Das Ruhrgebiet ist immer eine Reise wert. Wenn man dort nicht sowieso schon wohnt. Das wiederum kann man sich sehr gut vorstellen: Dort wohnen. Sobald man ins Ruhrgebiet kommt, hat man das Gefühl, dort auch willkommen zu sein. Es hat einen ganz eigenen Menschenschlag dort - und der Rest ist auch eigen.
Vor ein paar Jahren wurde die „Route Industriekultur" ins Leben gerufen. Ja, das geht zusammen, Industrie und Kultur, und das wird nirgendwo deutlicher gelebt als im Pott. Sicherlich war und ist der Wandel nicht einfach, vom Arbeiter zum Dienstleister in ein paar Momenten, aber das was erreicht wurde, beeindruckt dafür umso mehr.
Als viele Betriebe geschlossen wurden, hat sich nicht immer jemand gefunden, der mit den Resten etwas anzufangen wußte. So ist einiges dem Vergessen anheim gefallen oder durch Einrichtungen wie das CentrO in Oberhausen ersetzt worden. Die geretteten Komplexe und Abraumhalden hingegen wurden zu neuem Leben erweckt und strahlen zumeist in neuem Lichte:
In Essen die Zeche (der Eiffelturm des Ruhrgebiets) und die Kokerei Zollverein, in Duisburg-Meiderich der Industriepark Nord, Gasometer Oberhausen, das Haldenereignis Emscherblick (der Tetraeder, genannt „Orakel von Bottrop"), die Jahrhunderthalle in Bochum, Maximilianpark Hamm (mit dem gläsernen Elefanten und dem Schmetterlingshaus), die „Bramme für das Ruhrgebiet" in Essen, der Rheinelbepark in Gelsenkirchen, das Bergbaumuseum in Bochum, Müngstener Brücke (mit den Suizidbegehenden, die in der Pommesbude landen), ...
Man weiß ja schon viel, wenn man sich informiert, beziehungsweise, wenn man im Pott in Kneipen sitzt und sich von Einheimischen über dies und das aufklären läßt. Man weiß ja schon längst, daß der Pott grün ist (eine Schiffstour vom Baldeneysee über die Ruhr nach Essen-Kettwig belehrt jeden Ungläubigen), und man weiß viel über die Geschichte des Reviers. Da man aber nicht alles weiß, muß man sich bisweilen behelfen - und vorliegendes Buch ist nicht weniger als eine informative Liebeserklärung an das Ruhrgebiet. Die Autoren sind genauso begeistert wie man selbst und liefern auch noch stapelweise Informationen, die man noch nicht hatte.
Und machen Neugierig auf die Ecken, die man noch gar nicht kennt. Für den Rezensenten stehen da noch aus: Zeche Nordstern, Wasserturm/Aquarius in Mülheim, Lüntec in Lünen, Halde Schwerin in Castrop-Rauxel, Halde Rungenberg in Gelsenkirchen, Schiffshebewerk Heinrichenburg, Zeche Nachtigall/Muttental in Witten, Zeche Zollern und Kokerei Hansa in Dortmund, ...
Mit dem Ruhrgebiet wird man nie fertig. Sobald man da ist, entdeckt man etwas Neues, will aber auch das Alte, das man bereits kennt und liebt, wiedersehen. Das kulturelle Angebot scheint größer zu sein als das Berlins - und, mit Verlaub, auch sympathischer. Das Uncoole macht den Pott so cool.