Auf Marianne Feilchenfeldt Breslauer stieß ich durch die große Ausstellung "Marianne Breslauer. Unbeachtete Momente. Fotografien 1927-1936". Gezeigt wurde diese 2010 in Zürich und Berlin. Ihre Erinnerungen, die Marianne Feilchenfeldt Breslauer kurz vor ihrem Tod 2001 vollendete, hatte ich zwar bereits kurz nach dem Erscheinen 2009 gekauft, aber erst jetzt gelesen. Und angeschaut. Denn das wunderschön gemachte Buch enthält viele Aufnahmen dieser außergewöhnlichen Künstlerin.
"Es ist ein merkwürdiges Unterfangen, im Alter von gut 90 Jahren auf das eigene Leben und das zu Ende gegangene Jahrhundert zurückzublicken", lautet der erste Satz. Und was den Leser erwartet, sagt vielleicht schon die Bemerkung aus, dass Kaiser Wilhelm II. eine wunderschöne Uniform trug und mit seinem ruhigen Ritt eine Welt verkörperte, von der man meinte, dass sie beständig und in bester Ordnung sei. Der Leser wird von einer Frau, die zur Avantgarde gehörte, also auch Dinge hören, die in einem anderen Kontext als spießig oder banal aufgefasst werden könnten. Aber der Reiz dieser Lebenserinnerungen besteht gerade darin, dass sich die Autorin nicht an ein bestimmtes Schema hält, keine Alterswehmut verbreitet und sich nicht als Zeitzeugin fühlt. Mit den großen Ereignissen sei ihr Leben nur an wenigen Punkten in Berührung gekommen, meint die Autorin. Das ist insofern missverständlich formuliert, weil Marianne Feilchenfeldt Breslauer mit vielen Persönlichkeiten engen Kontakt und Freundschaften pflegte, die von diesen großen Ereignissen direkt betroffen waren.
Es sind vor allem die Beschreibungen privater Momente mit bekannten Künstlern, die mich beim Lesen in den Bann zogen. Sie unterscheiden sich so stark von den Formulierungen des heutigen Journalismus, dass man fast meinen könnte, die moderne Berichterstattung sei ohne Seele. Bestätigt fühlte ich mich bei der Lektüre auch in meiner Ansicht, Helden und Vorbilder seien fundamental, um es auf einem kreativen Gebiet zur Meisterschaft zu bringen.
Leidenschaft, Hartnäckigkeit und Können erhöhen zwar die Wahrscheinlichkeit, im Beruf Erfolg zu haben. Aber Lebenserinnerungen wie die von Marianne Feilchenfeldt Breslauer zeigen, dass wir unser Schicksal nur bedingt beeinflussen können. Nachdem ihr Mann am 9. Dezember 1953 völlig überraschend an einem Hirnschlag starb, schien für Marianne Feilchenfeldt Breslauer alles zu Ende. Was sie hielt, waren ihre Kinder und Freunde. Wie wichtig ihr die Söhne waren, betont die Autorin auch mit dem Hinweis, dass sie mit Walter bis zu ihrem 90. Lebensjahr in bestem Einvernehmen zusammengearbeitet habe. Gemeint ist natürlich der Kunsthandel, zu dem sie ganz zum Schluss ihres Buches noch sagt: "Gute Verbindungen sind alles. Die beste Verbindung ist die mit dem Glück. Auch wenn das Alter jenseits der 90 Jahre seine prosaischen Seiten hat, so darf ich zum Glück doch dankbar sagen: Es war mir gewogen."
Mein Fazit: "Es ist der Bericht einer glücklich Verschonten, das faszinierende Zeitdokument einer Frau, die im Zentrum des künstlerisch-intellektuellen Lebens ihrer Epoche stand", schreibt der Klappentexter. Und dem ist eigentlich nur hinzuzufügen, dass dieser Bericht ebenso außergewöhnlich ist wie die Frau, die ihn verfasste. Ein schönes und in mehrerer Hinsicht gewichtiges Buch.