Das Buch "Bilder machen Sieger - Sieger machen Bilder. Die Funktion von Pressefotos im Bundestagswahlkampf 2005" von Moritz Ballensiefen ist im Dezember 2008 in der Reihe Studien der NRW School of Governance im VS Verlag für Sozialwissenschaften erschienen. Inhalt ist die kommunikations- und politikwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Funktion von Pressefotos im Bundestagswahlkampf 2005. Der Autor analysiert Bilder, zeigt Politiker und Kampagnen aus verschiedenen Perspektiven und beschreibt, wie sich politische Kommunikation in der Berliner Republik verändert hat. Ballensiefen beweist, dass die Medien z.B. mit Fotos bewußt Einfluss auf den Wahlkampf nehmen"
Der Bundestagswahlkampf 2009 wird in der Folge der Wahlkämpfe 2002 und 2005 einen weiteren Schritt in Richtung "Medienwahlkampf" machen. Erstmals wird dabei dem Internet und damit verbundenen Formaten (z.B. Videos auf YouTube) eine relevante Bedeutung zukommen. So zentral, dass man aber von einem Internetwahlkampf sprechen könnte, wird dieser Kommunikationskanal nicht sein. Vielmehr werden die klassischen Medien wie Fernsehen und Print weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Deshalb leistet Moritz Ballensief mit seiner Dissertation einen wichtigen Beitrag, wenn man die Bedeutung von Pressebildern im Wahlkampf verstehen will. Seine Erkenntnisse werden auch für den Wahlkampf 2009 Gültigkeit haben und so erscheint das Buch eben zur rechten Zeit.
Seit 2002 erleben wir eine "Explosion der visuellen Darstellung" bei Wahlkämpfen. Die Bilder von Kandidat/-innen in den Medien sind ein eigener Einflussfaktor geworden, der von vielen Wählern auch wahrgenommen wird. Im Kapitel 3 "Die Macht der Bilder 2.0 - Grundlagen, Konzept und Anwendungen der Bildanalyse" legt Ballensiefen den Grundstock für das Verständnis des Buchs. Er zeigt theoretische Modelle - vor allem der Bildanalyse - auf und beschreibt, wie Bilder die Wahrnehmung der Wirklichkeit beeinflussen.
Nach den kommunikationswissenschaftlichen Grundlagen widmet sich Kapitel 4 "Wahlkampfkommunikation: Voraussetzungen, Strukturen und Akteure der Mediendemokratie" dem Zusammenspiel von Politik und Medien. Zuerst erklärt der Autor, wie das Mediensystem im Kontext Politik funktioniert. Anschließend skizziert er das politische System das Medien nutzt bzw. nutzen muss und versucht, diese zu beeinflussen. Über einen Abstecher zum "Wähler als Adressaten" führt Ballensiefen schließlich die Trias Wähler, Medien und Politik zusammen, wenn er deren Beziehungen untersucht ("Mediendemokratie oder Mediokratie" oder nach Dörner (2001) doch "Politainment"?). Das höchst interessante Fazit des Kapitels beschreibt die journalistische Ausgangssituation zum Bundestagswahlkampf 2005. Hier wird auch der mit wichtigste Eckpunkt des Buchs formuliert: "Die publizistische Macht wird dazu benutzt, um Meinungen zu transportieren. Hachmeister stellt diese gewollte journalistische Einflussnahme als Hauptveränderung politischer Berichterstattung in der Berliner Republik heraus." (S. 242)
An diesem historischen Punkt knüpft Kapitel 5 "Das Fallbeispiel der Bundestagswahl 2005: Kandidaten, Inhalte und Strategien im Spiegel der Medienberichterstattung" an. Auf fast 40 Seiten werden die Kandidaten Schröder und Merkel ("Mediencharisma vs. protestantische Demutsästhetik") sowie der Wahlkampf unter verschiedenen Aspekten unter die Lupe genommen. Insbesondere die Medienberichterstattung mit Bildern, die nicht mehr nur Beiwerk, sondern eine inhaltliche optische Kommentierung darstellen, steht dabei im Mittelpunkt der Betrachtungen.
Kapitel 6 "Auswertung der Inhaltsanalyse: Kandidatendarstellung und Bildlogiken der untersuchten Printmedien im Bundestagswahlkampf 2005" ist der eigentliche Kern des Buchs. Hier wird die visuelle Berichterstattung mit kommunikationswissenschaftlichen Methoden analysiert und im Sinn der Fragestellung kommentiert. Ballensiefen schafft es, die Untersuchungsergebnisse pointiert darzustellen und anschaulich zu erläutern. Die eingestreuten Tabellen lockern die Darstellung der Forschungsergebnisse ebenso auf wie die Diagramme. Wie im ganzen Buch - und das überrascht und gefällt zugleich - gibt es Abbildungen mit Fotos, Bildausschnitten oder Clippings. Am Ende fasst Ballensiefen unter anderem zusammen, dass die Medien 2005 "von ihrer Macht innerhalb der Visualisierung des politischen Wahlgeschehens durchaus Gebrauch machten. Die These einer journalistischen Einflussnahme in Form einer visuellen Kommentierung lässt sich durch die vorliegende Inhaltsanalyse empirisch belegen."
Im letzten Kapitel "Bilder machen Sieger - Sieger machen Bilder. Auf dem Weg vom Medien - zum Bilderwahlkampf?" nimmt der Autor noch einmal alle Fäden auf und fasst die Ergebnisse zusammen. Angela Merkel bescheinigt Ballensiefen schließlich doch noch einen Punktsieg, da zwar "keinem der Kandidaten in den untersuchten Tageszeitungen ein Visualisierungsvorteil zukam", aber Merkel doch insgesamt ein sprichwörtlich gutes Bild abgegeben hat.
Fazit
Ob nun Merkel oder Schröder bei der Bilderauswahl in Medien besser abgeschnitten haben, ist zwar interessant, aber für die Gesamtaussage des Buches nur schmückendes Beiwerk. Viel wichtiger sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse daraus. Das Buch zeigt auf, dass es im Wahlkampf eben nicht (nur) um Parteiprogramme, politische Agenden oder gar persönliche Kompetenzen geht. Eine große Bedeutung hat die Wahrnehmung der Kandidat/-innen durch den Wähler. Und diese Wahrnehmung, die auf einer emotionalen, persönlichen Ebene stattfindet - wird durch die vom Autor untersuchten Tageszeitungen transportiert. Ballensiefen beweist, dass die Medien nicht nur neutrale Berichterstatter sind, sondern bewußt auf den Wahlkampf Einfluss nehmen.
Das Buch überzeugt durch eine klare Sprache und einen schönen Schreibstil, was das Lesen der 458 Seiten wesentlich erleichtert. Eigentlich ist das Werk ja eine Dissertation (was man spätestens am Anhang mit Codierbogen und Kategoriensystem merkt) und für wissenschaftliches Publikum verfasst. Methodische Grundkenntnisse sind manchmal hilfreich, aber insgesamt kommt man ohne ein Vordiplom in Forschungsmethodik problemlos durch. Dass "Bilder machen Sieger - Sieger machen Bilder" als lesbares Fachbuch taugt, unterstreicht neben der wissenschaftlichen auch die journalistische Kompetenz von Ballensiefen.
"Bilder machen Sieger - Sieger machen Bilder" ist für alle geeignet, die sich im Schnittpunkt von Medien und Politik bewegen. Es hat einen interessanten historischen Kontext, wissenschaftlich fundierte Aussagen und praktisch anwendbare Ergebnisse. Für Journalisten ist es sicherlich lesenswert, aber vor allem für Wahlkämpfer bietet das Buch zahlreiche wertvolle Hinweise. Deshalb mein persönliches Fazit: Nach diesem Buch kann es sich eigentlich keine Wahlkampfzentrale mehr leisten, keinen Experten für Bildkommunikation an Bord zu haben.