Aus der Amazon.de-Redaktion
1946 beschwerte sich
Pablo Picasso über den Analphabetismus des Kunstpublikums. "Man lehrt die Menschen zu lesen", erregte sich der Meister, "aber man hat nie daran gedacht, ihnen beizubringen, wie man ein Bild betrachtet". An anderer Stelle wollte Picasso die Rezeption seiner Gemälde als Akt kundigen Lesens verstanden wissen: "Ich male so, wie andere ihre Autobiografie schreiben. Meine Bilder, fertig oder nicht, sind Seiten meines Tagebuchs".
In seinem neuen Essayband hat sich auch Alberto Manguel, Autor des Bestsellers Eine Geschichte des Lesens, der Idee verschrieben, dass man in Bildern wie in Büchern blättern könne. Dies ist keine besonders originelle Feststellung und wird wohl auch in der Kunstwelt nach Umberto Ecos "kultureller Semiotik" nicht mehr für allzu viel Wirbel sorgen. Faszinierend aber ist, wie es Manguel gelingt, ausgehend von persönlichen Erfahrungen ein ganzes Universum der Kunstlektüre zu entfalten. Fast könnte man sagen, er habe an Hand seiner Autobiografie seine Essays anschaulich hingemalt: Brillant geschriebene Betrachtungen über die Formenwelt von Künstlern wie Philoxenos, Caravaggio, Robert Campin, Joan Mitchell oder auch Picasso, die einem Seite um Seite von den erzählenden Bildräumen des Mittelalters bis hin zur schwer entzifferbaren Abstraktion der Moderne in immer wieder neuer Lesart Künstler und Werke näher bringen.
Als Jackson Pollock 1948 mit seinen innovativen Drip Paintings schockte, bemerkte ein irritierter Kritiker, dass diese hingetropften Gemälde weder Anfang noch Ende hätten. "Er meinte es nicht als Kompliment", hielt Pollock damals fest, "aber es war eins. Es war ein wunderschönes Kompliment". Nach der Lektüre von Bilder lesen möchte man dieses Lob an Manguel weitergeben. Gut, dass man die Überschriften der Kapitel hat, um sich daran festzuhalten. Denn sonst würde man sich in diesem Dschungel aus klugen Anspielungen und schier endlosen Gedankengängen zu sehr verlieren. --Thomas Köster
Kurzbeschreibung
In zwölf Kapiteln und einem weit gespannten Bogen erfasst Alberto Manguel die "Bilderwelt". Er erweckt den Augenblick zum Leben und lehrt den Leser, Bilder zu "lesen", zu verstehen. Mit diesem Buch hat Alberto Manguel, ganz ähnlich wie mit seiner "Geschichte des Lesens" eine höchst anschauliche und äußerst vergnügliche Kulturgeschichte geschrieben. Sein Buch macht reicher, weil es uns sehend macht.Bilder sind zum Augenblick gebannte Leidenschaften. In diesem festgehaltenen Moment auf der Leinwand, dem Papier oder im Stein konzentrieren sich oft ganze Lebensgeschichten, die der Figuren oder des Künstlers, und zuweilen durchdringen sich beide. Traditionen, Stile, Motive schlagen räumlich und zeitlich weite Brücken, manchmal demonstrativ-vordergründig, oft geheimnisvoll verschlüsselt und verborgen. Erst unter dem Blick des Betrachters wird das zum Augenblick Erstarrte lebendig wie Dornröschen nach dem Kuss des Prinzen. Alberto Manguel ist ein solcher Prinz: In seinem Buch beginnt die gesamte Welt der Bilder zu leben. Und mehr noch: Ohne den Zeigefinger zu heben, lehrt uns Manguel, Bilder zu lesen. Dabei schöpft er aus einer reichen Quelle von Geschichten und Kenntnissen. Ausgehend von einem Foto der Tina Modotti erfahren wir, was die Füße in der Bildkunst bedeuten, und Exkurse wie beispielsweise über die Milch Marias, der Mutter Gottest bieten en passant eine Kultur- oder Religionsgeschichte durch die Jahrhunderte. Sinnenfroh und gedankenreich, unterhaltend und informativ zeigt uns Manguel: Wer Bilder lesen kann, bleibt nicht allein, denn selbst die scheinbar individuellsten Künstlererfahrungen haben eine universale Seite, sie bewegen sich zwischen Liebe und Hass, zwischen Unterdrückung und Sehnsucht. Manguel beleuchtet unbekanntere Genies wie Marianna Gartner oder Aleijadinho und läßt vielbetrachtete Größen wie Caravaggio und Picasso in einem neuen Blickwinkel erscheinen. Nie vergisst er, was Künstler und Betrachter verbindet, was den Augenblick zur Ewigkeit macht.Alberto Manguel, geboren 1948 in Buenos Aires, wirkte unter anderem in Buenos Aires, Paris, London, Mailand und Toronto als Verlagslektor und Literaturdozent. Er übersetzte zahlreiche Bücher und ist Herausgeber von Anthologien und Kurzgeschichten. Er lebt vorwiegend in Toronto und Paris und ist seit 1988 kanadischer Staatsbürger. Für sein Buch "Eine Geschichte des Lesens" wurde er mit dem Prix Médicis ausgezeichnet.
Autorenportrait
Alberto Manguel, geboren 1948 in Buenos Aires, wirkte unter anderem in Buenos Aires, Paris, London, Mailand und Toronto als Verlagslektor und Literaturdozent. Er übersetzte zahlreiche Bücher und ist Herausgeber von Anthologien und Kurzgeschichten. Er lebt vorwiegend in Toronto und Paris und ist seit 1988 kanadischer Staatsbürger. Für sein Buch "Eine Geschichte des Lesens" wurde er mit dem Prix M dicis ausgezeichnet.