Wenn es ein Werk gibt, wo sowohl Anzahl als auch Details der Einspielungen mittlerweile absolut unüberschaubar geworden sind, dann sind es Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung". Allein die Suchfunktion von Amazon gibt fast 300 Treffer aus, wenn man danach sucht. Es dürfte wohl kaum einen Klassikinteressierten geben, der nicht mindestens eine CD davon sein eigen nennt.
Da fragt man sich natürlich gleich: Warum dann noch eine Einspielung kaufen, zumal eine hochpreisige? Ich gebe eine einfache Antwort: Weil sie Neues bringt! Hier liegt das Werk nicht in der allseits bekannten, in meinen Augen leider nicht besonders werkgerechten Ravel-Instrumentierung vor, sondern in einer vom Dirigenten selbst erstellten Fassung. Ashkenazy beweist dabei nicht nur einen erstaunlichen Sinn für Klangfarben und die Instrumentierung (dies kann man zweifelsfrei Ravel ebenfalls zugestehen), sondern entwickelt eine neue Sicht auf die "Bilder", die wirklich von der originalen Klavierfassung ausgeht (die es als Zusatz auf der CD erstmal vorweg gibt).
Auffallend ist vor allem die im Vergleich zur opulenten Ravel-Fassung sehr sparsame Melodieführung und der Verzicht auf allzuviele polyphone Schnörkel - man spürt förmlich, hier ein Klavierwerk für 2 Hände zu hören, wenn auch von einem Orchester gespielt. Das zeigt sich insbesondere in den zunächst ungewöhnlich erscheinenden Unisoni wie bei "Samuel Goldenberg..." - insbesondere aber Stücke wie die "Tuileries" und das Kükenballett klingen erstaunlich kammermusikalisch und kein bißchen aufgeblasen. Auch bei rhythmisch vertrackten Stücken wie "Limoges", "Gnomus" oder vor allem der "Baba Yaga" verfährt der Arrangeur nach dem Motto "weniger ist mehr" und läßt sehr kleine Instrumentengruppen spielen.
Als Kontrast dazu fällt die satztechnische und klangliche Opulenz der Promenaden etwas aus dem Rahmen, wobei mir gerade die massierten Blechbläserklänge besonders Mussorgsky-typisch vorkommen und an Werke wie "Boris Godunow" oder "Khowantschina" gemahnen. Geradezu magische Klangschichtungen und -massierungen hören wir vor allem in den "Catacombae", während Instrumentalfarben sonst vorzugsweise nacheinander und weniger im Zusammenklang eingesetzt werden. Das gilt vor allem für das finale "Große Tor", das (völlig anders als bei Ravel) nicht im blechgepanzerten fff den ganz harten Kontrast zur ungestümen Rhythmik der "Baba Yaga" sorgt, sondern geradezu zurückhaltend beginnt und sich langsam entwickelt. Besonders wohltuend sieht Ashkenazy im Gegensatz zu seinem Vorgänger von allzu aufdringlichem und peinlichem Gebrauch der Schlagwerkbatterie ab, was gerade dieses Stück von jedem unpassenden Marschrhythmus befreit.
Das Philharmonia Orchestra zeigt sich in Bestform und gewinnt dem etwas "ausgelutschten" Klassiker auch interpretatorisch noch viele neue Seiten ab. Fast schon als Geniestreich darf die Tempovariation insbesondere im "Gnomus" gelten - das Orchester agiert hier, auch dank der schlanken Instrumentierung, wie ein einheitlicher Klangkörper und nicht wie ein träger Kirchenchor.
Aufnahmetechnisch gesehen gibt es ebenfalls nur Gutes zu vermelden, die Digitalaufnahmen der frühen CD-Ära (1982) werden ja zuweilen nicht gerade lobend erwähnt. Diese hier ist schlicht perfekt, das Orchester räumlich gestaffelt, klar durchhörbar, mit zuweilen schon furchterregendem Baßgrollen.
Fazit: Wenn nur eine "Bilder"-Aufnahme, dann diese. Aber Vorsicht: Gerade die Ravel-Fassung mag man danach kaum mehr hören...