Das bekannteste Werk des russischen Komponisten Modest Petrowitsch Mussorgski (1839-81) ist sein Klavierzyklus "Bilder einer Ausstellung". Wenn Musiklehrer sich vornehmen, einen Versuch zu unternehmen ihren Schülern die Idee der Programmmusik näher zu bringen, so greifen sie in der Regel dieses Paradebeispiel heraus.
Programmmusik wird jene Art von Musik genannt, die einen Bezugspunkt außerhalb der Musik wählt und versucht, diesen durch Klangbild, Klangfarbe, Instrumentenwahl, Tempo, Dynamik und weitere musikalische Stilmittel zu beschreiben, zu zitieren, ggf. auch zu karrikieren oder ähnliches. Der äußere Bezugspunkt kann dabei aus der Malerei, der Literatur, dem Sport, der Politik oder auch dem ganz normalen Alltagsleben entstammen. Das Gegenstück wäre die absolute oder reine Musik, also Musik, die um ihrer selbst Willen geschrieben wurde und keinen solchen äußeren Bezugspunkt besitzt. Die Zuordnung kann dabei nicht ganz trennscharf erfolgen, was damit zusammenhängt, dass die explizite Idee der Programmmusik erst gegen Mitte-Ende des 19. Jahrhunderts aufkam.
So könnte man z.B. Beethovens Symphonie Nr. 6 an und für sich auch als so etwas wie Programmmusik sehen. Schließlich immitiert diese Symphonie beispielsweise Vogelstimmen u.ä., auch die Satzbezeichnungen geben relativ klare Bezugspunkte wie "Ankunft auf dem Lande". Obwohl die Diskussion um die Programmmusik zu Beethovens Zeiten noch nicht geführt wurde hat Beethoven in einem Brief an seinen Verleger klarstellen wollen, dass es sich weniger um die Beschreibung konkreter Gegenstände als vielmehr um die Beschreibung von Empfindungen handle (korrekt zitiert heißt die gennante Satzebezeichnung ja auch "Heitere Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande").
Bei den "Bilder[n] einer Ausstellung" ist diese Zuordnung leichter. Modest Mussorgski beschreibt explizit und auch von ihm so benannt 10 Bilder des mit ihm befreundeten Malers Viktor Hartmann, die er bei einer Ausstellung zum Gedenken des einige Jahre zuvor verstorbenen Malers 1874 sah.
Zu Beginn: vor dem ersten, zweiten, dritten und fünften Bild ist, jeweils leicht verändert, die "Promenade" zu hören (jedenfalls in der Orchesterfassung Ravels, der eine Promenade wegließ). Damit wird das Eintreten Mussorgskis in die Ausstellung und das Weiterziehen von Bild zu Bild beschrieben.
Erstes Bild: "Gnomus": ein linkisch dreinblickender, sich auf missgestalteten Beinen bewegender Zwerg, der mal wild zappelt, dann plötzlich erstarrt, um danach wieder energisch und unberechenbar hin- und herzuspringen o.ä.
Zweites Bild: "Das alte Schloss": wird durch eine ruhige, leicht wehmütige Romanze beschrieben.
Drittes Bild: "Tuileries": im berühmtesten Park von Paris toben Kinder wild umher und ignorieren die ermahnenden und zur Mäßigung aufrufenden Einwürfe ihrer Gouvernanten geflissentlich.
Viertes Bild: "Bydlo": ein polnischer Ochsenkarren zieht am Betrachter vorbei - von ferne sieht er langsam und bedächtig aus, aus der Nähe sieht man die unbändige Kraft des Ochsen (durchweg fortissimo gespielt, ab ungefähr der Mitte in der Regel aber noch gesteigert, danach leiser werdend), der Karren zieht vorbei und verschwindet langsam am Horizont.
Fünftes Bild: "Ballett der unausgeschlüpften Kücklein in ihren Eierschalen": die Küken haben bereits mit Armen und Beinen den Durchbruch aus dem Ei geschafft, sind tragen ihre Schale aber noch, einer Rüstung gleichend und tippeln wild umher.
Sechstes Bild: "Samuel Goldenberg und Schmyule": zwei Portraits, erstens das des eleganten, bedeutungsvoll aussehenden jüdischen Kaufmanns Goldenberg, andererseits das des bitterarm, kränklich und jammernd aussehenden Juden Schmuyle.
Siebtes Bild: "Der Marktplatz von Limoges": es herrscht reges Treiben und Stimmengewirr
Achtes Bild: Hartmann durchschreitet die "Katakomben" von Paris und unterhält sich mit den Toten in einer toten Sprache (zwei Teilstücke, letzteres hat keinen konkreten Bezug zu einem Bild Hartmanns)
Neuntes Bild: "Die Hütte der Baba-Yaga": die Baba-Yaga ist eine russische Sagengestalt. Eine Hexe, die in einem Haus wohnt, das auf Hühnerfüßen steht und sich mit diesen auch aufrichten und umdrehen kann, so dass es den Eingang jedem zuwenden kann, der sich ihm nähert, egal aus welcher Richtung er kommt. Die Baba-Yaga lockt Vorbeikommende in ihre Hütte, wo sie sie auffrisst.
Zehntes Bild: "Das große Tor von Kiew": majestätisch, gravitätisch und eindrucksvoll stellt sich dieses Tor dem Gast Kiews dar. Mussorgski beendet den Rundgang mit diesem Bild und führt das Hauptthema der Promenade zu einem glanzvoll-pathetischen Abschluss.
Maurice Ravel schrieb 1922 die berühmteste und am meisten gespielte Orchestrierung des Werkes. Diese hat das Royal Concertgebouw Orchestra unter seinem Chefdirigenten Mariss Jansons hier eingespielt.
Meines Erachtens ist dies in einer für Jansons sehr typischen Manier geschehen. Ich bin an und für sich ein großer Fan des lettischen Maestros, muss aber auch sagen, dass ich schon häufiger Aufnahmen und Konzerte unter seiner Führung mit gemischten Gefühlen gehört habe. Jansons ist ein sehr feinfühliger, sensibler Dirigent. Er meidet Extreme, sowohl im Bereich der Dynamik als auch bei der Wahl der Tempi. Das kann zu zwei Ergebnissen führen: entweder bekommt man eine Interpretation, die ich mal als konsequent-ehrlich bezeichnen möchte. Damit meine ich, dass auf Showelemente und Populismus verzichtet wird, der Dirigent das Werk einfach wirken lässt und ihm nicht zu sehr den Stempel aufdrückt (auch Rubati höre ich bei Jansons seltener) - Sie bekommen keine lärmenden und hypertemperamentvollen Einspielungen. Das ist sympathisch und tatsächlich kann man die "Bilder einer Ausstellung" auch als übles Getöse aufführen, was hier unterbleibt.
Das zweite mögliche Ergebnis der typischen Jansons-Interpretation ist aber das, was Sie hier nach meinem Dafürhalten hören. Wer das Werk kennt fragt sich bei nahezu jedem Stück, warum hier so vorsichtig agiert wird. Das betrifft die Dynamik, das betrifft auch die Tempi. Immer fehlt mir das letzte Quäntchen. Am meisten beeinträchtigt dies natürlich die kraftvoll-dynamischen Stücken wie z.B. "Gnomus" oder vor allem "Die Hütte der Baba-Yaga". Hier macht es m.E. nichts, wenn man etwas dicker aufträgt. Die ganze Idee der Hexe mit ihrem auf voll beweglichen Hühnerfüßen stehenden Haus ist absurd. Ich will nicht sagen, dass man hier gar nicht laut und schnell genug sein kann, das wäre Unsinn. Aber hier ist Leisetreterei nicht angebracht. Ravel hat auch sehr vollmundig orchestriert. Hier darf es ruhig etwas dröhnen und knallen. Ähnlich beim Gnomus und beim Großen Tor von Kiew.
Das Ballett der Kücken ist schön gelungen. Hier stimmen Beweglichkeit und Transparenz, die auch ansonsten phasenweise etwas vermisse. Sicher, man soll Liveaufnahmen nicht ohne Vorbehalt mit Studio-Aufnahmen vergleichen. Aber hier wäre mehr gegangen. Ob es an der Mikrophonposition oder der Abmischung liegt oder wirklich an Orchester und Dirigent, weiß ich nicht. Jedenfalls vermisse ich den typischen sonoren Concertgebouw-Klang ebenso wie die Transparenz für die Jansons sonst auch steht.
Ich will nicht übertreiben: die CD ist ein faires Angebot. Weltklassemusiker spielen auf höchstem Niveau Stücke, die sie richtig fordern. Sie meistern das souverän, aber sie reißen mich persönlich eben nicht mit.
Fazit: ich kann die CD nur bedingt empfehlen. Zwischen 3 und 4 Sternen konnte ich mich nur schwer entscheiden, habe mich dann als Kontrapunkt zu den sehr lobenden anderen Rezensionen für 3 entschieden, möchte aber nochmals klarstellen: wirklich schlecht ist die Aufnahme nicht, aber eben auch nicht übermäßig gut.
Alternative: Auch wenn es Herbert von Karajan bisweilen in die andere Richtung übertreibt und fast eine Idee zu viel lärmt, so finde ich seine "Bilder" doch deutlich besser gelungen. Auf der hier verlinkten
CD finden Sie auch eine sehr schön gelungene Einspielung der Original-Klavierversion.