Eines ist ganz gewiss: Bikram Choudhury passt garantiert nicht in das gängige Klischee, das man von einem Yogi hat. Statt spindeldürr und schweigsam auf seiner Matte zu hocken, ist Bikram muskulös und nicht besonders schlank. Er ernährt sich, wie er gerne zugibt, auch von ungesunden amerikanischen Spezialitäten und hat eine ziemlich große Klappe, auf die er auch noch stolz ist. Und selbstverständlich ist sein Yoga das einzig wahre. Obendrein ist es auch noch klimaschädlich, denn man muss schon kräftig einheizen, wenn man die nötige Raumtemperatur von 38-40 Grad Celsius für Bikram-Yoga erreichen will. Unter diesen Umständen Yoga zu treiben, erscheint auf den ersten Blick quälend komisch. Doch dahinter steckt der Gedanke, dass beim Yoga im Körper eine zahlreiche Veränderungen eintreten, die im warmen Zustand noch besser ablaufen. Außerdem sinkt die Verletzungsgefahr.
Man sollte also besser ein Bikram-Studio aufsuchen, wenn man diese Form des Hatha-Yoga erlernen möchte und dabei seine Heizkosten in Grenzen halten will. Es gibt aber in Deutschland nur sehr wenige Bikram-Schulen. Und das führt sofort auf die Frage nach dem Sinn dieses Buches. Yoga selbst erlernen zu wollen, ist nicht sehr empfehlenswert, weil man sich kaum selbst korrigieren kann und wird, auch wenn man den dazu nötigen großen bodentiefen Spiegel besitzt, um sich bei den Übungen zu beobachten. Man braucht also ziemlich zwingend einen guten Yoga-Lehrer. Dieses Buch besitzt dementsprechend nur dann einen hohen praktischen Nutzen, wenn man Bikram-Yoga bei einem ausgebildeten Bikram-Lehrer betreibt oder als fortgeschrittener Yogi etwas Neues praktizieren möchte.
Ich möchte mir nicht anmaßen über die Qualität der Übersetzung zu urteilen, weil ich das amerikanische Original nicht kenne. Nachdem ich mich an den etwas aufdringlichen Guru-Stil des Autors gewöhnt hatte, begann das Buch mir mehr und mehr zu gefallen, denn es erläutert die Gründe für verschiedenen Techniken und deren Konsequenzen für unser körperliches Befinden sehr gut. Natürlich relativiert sich auch die möglicherweise mangelhafte Übersetzung, wenn man sowieso bei einem Bikram-Lehrer übt.
Zum Inhalt: Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Zunächst erfahren wir etwas über Bikrams Geschichte und die Bedeutung des Yoga für unser Wohlbefinden. Danach lernen wir die Abfolge seiner Bikram-Yoga-Stellungen kennen, die der Autor für das einzig richtige Yoga hält. Im letzten Drittel des Buches wird uns die Rolle des Geistes im Yoga dargelegt.
Eigentlich sollte Yoga auch nach Meinung des Autors das Ego zähmen. Es ist jedoch nicht zu übersehen, dass Bikrams Ego nicht besonders klein ist. Sicherlich wird es vielen Lesern schwer fallen, sich an die Absolutheit von Bikrams Aussagen zu gewöhnen. Der erste Teil des Buches kulminiert zum Beispiel in der Aussage, dass nahezu alles, was an Yoga in den USA gelehrt wird, Schwindel-Yoga sei. Bikram ist der Meinung, dass die ersten Gurus, die Yoga nach Amerika brachten, sich und ihre Lehre allmählich an die mangelnde Disziplin und den fehlenden körperliche Willen ihrer amerikanischen Schüler anpassten und so das Original-Yoga verfälschten, das der Autor nach seiner Auffassung nun wieder lehrt. Im Umkehrschluss bedeutet dies natürlich, dass Bikram-Yoga nichts für Weicheier ist.
Bikram-Yoga, so wie es dieses Buch beschreibt, besteht aus einer Sequenz von 26 Asanas (aus den 84 ursprünglichen), die in der vom Autor vorgestellten Abfolge ausgeführt werden müssen. Dazu kommen zwei Atemübungen. Die Asanas werden sehr gut erklärt. Ein oder zwei Fotos mehr hätten allerdings die schriftliche Erklärung noch besser verdeutlicht. Aber auch hier gilt: Dies ist kein Yoga-Lehrbuch für Anfänger, sondern eigentlich nur eines für Bikram-Schüler oder schon recht fortgeschrittene Yoga-Treibende, die offen für andere Schulen sind.
Im letzten Teil des Buches geht es um die Wirkung von Yoga auf Geist und Seele. Dort stehen zwar zahlreiche kluge Gedanken, die aber eigentlich nur einer einfachen Aussage folgen: Übe diszipliniert Yoga, der Rest ergibt sich von selbst. Folge dem oben zitierten Ausspruch von Ghandi, der in diesem Buch steht und einfach meint, dass man sein Leben durch Yoga völlig verändern kann. Wer es nicht tut, der verpasst einfach sehr viel.
Fazit.
Wer zwar Yoga betreibt, aber noch nie etwas von Bikram gehört hat, der wird seine Mühe mit diesem Buch haben, denn Bikram verkörpert den Anspruch, das einzig wahre Yoga zu beherrschen. Der Stil dieses Buches ist genauso gewöhnungsbedürftig wie dieser Alleinvertretungsanspruch. Wer aber gelassen darüber hinwegsehen kann, der findet in ihm viel Bedenkenswertes und einen anderen Stil als den möglicherweise selbst praktizierten. Wer Bikram-Schüler ist oder werden will, für den ist dieses Buch sicher eine Hilfe. Bikram vermischt auf für Europäer ungewohnte Weise seinen radikalen, aber gut begründeten Yoga-Stil mit der typisch amerikanischen Lebenshilfe-Kultur. Ein recht ungewöhnliches, aber auch sehr interessantes Yoga-Buch, das nicht für Anfänger geeignet ist.