Noch vor einem Jahr, als ich die erste Ausgabe eines geschenkten Rennrad - RadsportMagazin-Abos in der Hand hielt, hätte meine Kritik ganz anders ausgesehen. Sie wäre - mit Verlaub gesagt - recht vernichtend ausgefallen.
Dabei war mir auch damals schon bewußt, daß einen großen Anteil an dem ziemlich getrübten Lesevergnügen die Tatsache hatte, daß die Zeitschrift sich offenbar weder einigermaßen formulierungs-versierte Redakteure noch ein Lektorat leisten wollte oder konnte. Sätze wurden grammatikalisch anders angefangen als zuende geführt. Fast auf jeder Seite fanden sich Druck- und Silbentrennungsfehler. Das sprachliche Niveau war so, daß hochklassige Schülerzeitschriften sich dafür geschämt hätten.
Dazu kam, daß die Themen - um es milde auszudrücken - nicht wirklich originell waren. Und ich mich als langjähriger Abonnent der TOUR gefragt habe, warum ich alle Artikel des jeweiligen Vormonats unter nur schlecht als "neu" kaschiertem Deckmäntelchen noch einmal lesen sollte. Zumal, wie gesagt, die TOUR-Artikel in der Regel besser recherchiert, die beschriebenen Techniktests aufwändiger und professioneller durchgeführt und die Formulierungen knackiger gewählt waren.
Inzwischen jedoch bin ich bereit, mein Urteil zu revidieren und anzuerkennen, daß Rennrad dazu gelernt hat. Es fängt damit an, daß sich nur noch hie und da Druckfehler einschleichen, über die man besonders deswegen großzügiger hinwegzusehen bereit ist, da die Berichterstattung eindeutig an Professionalität gewonnen hat. Dort, wo noch vor einem Jahr, wo jedes noch so unwichtige Detail eines Rennverlaufs protokollartig in einer monotonen Aneinanderreihung aufgelistet wurde, da sind heute spannende Berichte mit Hintergrundinformationen, packender Herausarbeitung der entscheidenden Momente und resümierender Zusammenschau im Kontext anderer Rennen der Saison oder der Vergangenheit zu lesen.
Auch die Themen sind wesentlich eigenständiger geworden, so gefällt die Serie "Ergonomie" die seit dem vorletzten Heft in vier Teilen abgehandelt wird mit in dieser Art in den letzten Jahren noch nicht kompakt und vermutlich auch für den Einsteiger verständlich dargestellte, auf relevante Teilthemen konzentrierte Unterkapitel.
Überhaupt "Einsteiger": Rennrad kommt inzwischen nicht mehr daher, als versuche es krampfhaft, ein Klon von TOUR zu sein; sondern setzt sich selbstbewußt dagegen ab, oft mit Einsteiger-relevanten Themen, gern mit ausführlichen Reportagen aus dem und Informationen zum Frauenrennsport und mit - gerade im letzten Heft - sehr beeindruckenden Fotostrecken, die eine eigenständige Profilierung im Blätterwald der (Renn-)Radmagazine und gerade gegenüber der dominierenden TOUR unterstützen und unterstreichen.
Insofern und zu diesem Zeitpunkt: Wenn die Entwicklung weiter in die sich abzeichnende Richtung geht, dann erwächst da eine echte Alternative zur "Übermutter" der Rennsportmagazine, der TOUR.