Die musikalische Umsetzung des Eisenbahnsounds ist freilich nichts Neues; vor allem in den Sparten Blues, Jazz, Country und Folk taucht das Thema immer wieder auf: "Orange Blossom Special", "Take the 'A'-Train", der "Wabash Cannonball", "Rock Island Line", aber auch Qualtingers "Bundesbahn-Blues" oder "Le donne nelle stazioni" von Gianmaria Testa... die Liste ließe sich seeeehr lange fortsetzen. Der markante Dampflok-Rhythmus bietet sich einfach an als musikalisches Thema. Freilich wird das Eisenbahn-Genre in der Musik inzwischen seltener, mangels Anregungen aus dem außermusikalischen Alltag.
Wenn nun kein Geringerer als Wynton Marsalis 1998 ein ganzes Album zum altehrwürdigen Thema einspielt, dann könnte das hörenswert werden. Besser noch: Es k ö n n t e nicht nur hörenswert werden, sondern es w i r d es auch.
Spaß macht's jedesmal aufs Neue, das Anhören dieser CD -- weil's den Musikern nämlich ebenfalls hörbar Spaß gemacht haben muss. Marsalis und das Lincoln Center Jazz Orchestra mit all ihrem versammelten Können knöpfen sich alles vor, was irgend mit den Themen "Dampflok" und "Eisenbahn" assoziiert werden kann: Schnellzug, Überlandfahrt, schnaufendes Erklimmen von Steilhängen, Dampfstöße, Bahnsteigdurchsagen, Signale vor der Tunneleinfahrt, aber auch der Schienenbau der US-Pioniertage oder die charakteristische Atmosphäre von Dienstabteilen, Schlaf- und Speisewagen früherer Zeiten. Los geht's mit einem archaischem "call and response" vom Lokführer Marsalis höchstpersönlich, dann folgt natürlich eine Bläserfanfare, und dann geht sie tatsächlich los, die rasante Fahrt durch Raum und Zeit: Frisch abgestaubten Ragtime gibt's inclusive in "All Aboard", und noch einiges mehr -- ohne Aufpreis.
Diese musikalische Eisenbahn durchrast und durchrattert alle möglichen verschiedenen Jazz-Stile, die ich zwar vage heraushören kann, über die detailliert zu referieren ich allerdings nicht kompetent genug bin (Außerdem informiert nicht nur hierüber die Rezension von "manwah" hervorragend). Mir macht's nur Spaß zuzuhören... Daher nur soviel: Bei aller Improvisationsfreude treten immer wieder die populärsten Stile jener Zeiten in den Vordergrund, als auch die Eisenbahn noch buchstäblich mit Volldampf fahren konnte: Ragtime und vor allem Swing jener Art, der nichts Gelecktes an sich hat.
Kenner der Szene hören möglicherweise nicht nur bei "Union Pacific Big Boy" Miller- und Ellington-Zitate heraus. Wenn, dann sind das allerdings richtig schöne Zitate, bei denen einem hinter jeder Taktecke die nächste erfreuliche Überraschung auflauert. Vermutlich zitiert auch der Schlagzeuger Herlin Riley mit seinen "Engine"-Soli einen berühmten Kollegen, und wie auch immer die direkt anschließenden akustischen Reminiszenzen an chinesische Wanderarbeiter beim Bau der großen Überlandlinien improvisiert werden -- sie sind einfach faszinierend. Das sind keine Effekte um des Effektheischens willen, sondern feine, präzise herausgespielte und improvisierte Geniestreiche.
Solche Perlen sind in jedem der insgesamt zwölf Tracks versteckt, die auch ohne diese feinen kleinen Extras ihrerseits bereits Perlen wären. Perlen, die mit Volldampf losbrettern -- wenn das gewagte Bild gestattet ist.