Zwei Jahre nach dem erfolgreichen "Notorious" erschien mit "Big thing" das fünfte Studioalbum von Duran Duran. Ruhiger, weniger einheitlich, vor allem aber deutlich unzugänglicher präsentierte sich die neue Platte, was ein Grund für die gegenüber dem Vorgänger deutlich abgesunkenen Verkaufszahlen gewesen sein könnte.
Der das Album eröffnende Titelsong sowie die beiden Nachfolger bringen die Dominanz von Rhythmus und Technik, hinter die die Melodik relativ stark zurücktritt. Ohne Zweifel sind sie gediegen, ausgefeilt instrumentiert, angenehm zu hören und insgesamt sehr gelungen. Dennoch erscheinen sie im bis dahin vorliegenden Gesamtwerk der Band durchaus untypisch und ein wenig unter deren Möglichkeiten.
"To late Marlene" markiert einen Stilwechsel. Die Dominanz von Technik und Rhythmus weicht dem Primat von Melodik und Stimmung. Wesentlich filigraner und zurückhaltender mit einem beinahe vorsichtig agierenden Le Bon ist der Titel ein kleines aber feines Stück Synthie-Pop, das man in dieser Art bisher nur sehr selten gehört hat. "Drug" nimmt die Zurückhaltung seines Vorgängers völlig heraus und leitet in schnellere, unruhigere Gefilde über. Rau und energiegeladen dominieren auch hier wieder Rhythmus und Instrumente. Der stilistische Gegensatz zu Vorgänger und Nachfolger könnte kaum größer sein. "Do you belive in shame" führt wieder in ruhigere Gefilde. In vieler Hinsicht ähnelt es "To late Marlene", ist allerdings wesentlich rauer, mit einem Tick mehr an Depression und Verzagtheit. In seiner depressiven Stimmung wirkt bedeutend länger und gewichtiger, als er es von seiner Spielzeit her ist.
Und in der Tat ist es auch eine gute Überleitung von der insgesamt lauten und schnelleren ersten Albumhälfte. Was nun folgt, kann nur mit dem Begriff höchstklassig adäquat beschrieben werden. "Palomino" nimmt den Rhythmus völlig heraus und setzt vollends auf Melodie, Instrumente und Stimmung. Eine zurückhaltende, eigentlich stille und doch opulent wirkende Produktion, zusammen mit einer wunderschönen Melodie und dem Gesang Le Bons schaffen einen außerordentlich sinnlichen Titel, in dem man sich völlig verlieren kann. Etwas Derartiges bekam man auf den Vorgängern noch nicht zu hören. Die Melodie verbreitet Dunkelheit, aus der Stimme und Instrumente wie strahlende, aber einsame Lichter heraustreten.
"Interlude one" fungiert für rd. 32 Sekunden als eine kleine, filigrane, vor allem jedoch absolut notwendige Überleitung zum nun folgendem "Land". Die Feinheit "Palominos" findet seine konsequente Fortsetzung, die Instrumentierung wird jedoch deutlich komplexer und macht den Titel zum am meisten sphärischen des Albums. Sanft wird man dahin getragen, die Dualität von leichter Depression und Hoffnung ist überwältigend. Die Dunkelheit "Palominos" wird in hellere Gefilde übergeleitet - gleich dem Heraustreten aus einem dunklen Gewölbe in einem nebligen Herbsttag. Obwohl vergleichsweise eingängig, scheint "Land" aus der Zweidimensionalität" normaler Popmusik auszubrechen und in neue Gefilde von Nachdenklichkeit und Besinnung zu führen. Die große Länge von über sechs Minuten erscheint keinesfalls überzogen, sondern ist notwendig, um dem Titel Zeit zu geben, sich zu seiner vollen Erhabenheit zu entfalten.
Das langsame Ausklingen scheint "Land" sich ins Nichts auflösen zu lassen. Das nun folgende "Flute Interlude" fungiert erneut als kurze, notwendige Überleitung. The "Edge of america" nimmt das sphärische von "Land" heraus und kommt in gewisser Weise wieder zum Wesentlichen - der Nebel weicht kristallgleicher Klarheit. Zurückhaltend in seiner Instrumentierung, mit einem vorsichtig agierenden Le Bon sowie einer wunderschönen Melodie, die zusammen mit dem Text Melancholie und Hoffnung zugleich zelebriert, formt sich ein weiterer überragender Titel, der für mich wie seine beiden Vorgänger zum besten gehört, was die Gruppe bis dahin geschaffen hat. Direkt wird in den Nachfolger übergeleitet, der als Instrumental mit rauen Gitarren und Bässen das Album abschließt, wobei die Intensität zum Ende stetig gesteigert wird. Gewissermaßen als Nachspiel wird auf der vorliegenden CD eine leicht modifizierte Version von "Drug" eingebracht, die gegenüber ihrem Gegenstück jedoch nichts wesentlich Neues bringt.
"Big thing" markiert eine bedeutende Etappe im Schaffen der Band. Kennzeichneten sich die Vorgängeralben durch eingängige, sehr oft "laute" Titel, die ungeachtet individueller Unterschiede ein eindeutig erfassbares und zusammenhängendes Ganzes formten, ist dieses Werk durch den Gegensatz von Technik und Rhythmus auf der einen und Melodik und Stimmung auf der anderen Seite dominiert. Die ersten Titel sind keinesfalls schwach, ganz im Gegenteil, dennoch treten sie gegenüber den Stücken der zweiten Albumhälfte deutlich zurück, die neben ihrer überragenden künstlerischen Qualität auch Nachdenklichkeit und Reife ausstrahlen. Ein Wechsel von jugendlicher Unbekümmertheit zu erwachsener Besinnung scheint sich anzubahnen. Das dieser mit dem Nachfolger "Liberty" nur bedingt weitergeführt wurde, ist eine andere Geschichte.
Rückblickend ist "Big thing" ein zwar uneinheitliches, aber doch anspruchsvolles und ob einiger herausragender Titel insgesamt sehr gelungenes Werk aus der Spät- und Reifephase des Synthie-Pops, das - mit ein bisschen Zeit und Offenheit - nicht nur dem Fan dieser Musik-Gattung gefallen dürfte.
4,5 Sterne