Nicht ohne Witz und Eleganz verflechtet Robert Fleck Geschichten und Mythen, die in den letzten 100 Jahre um die Biennale von Venedig kursierten. Vom Gründungsjahr 1895 bis zur Biennale 2009, vom ersten Weltkrieg bis zur Wiedervereinigung, von der Salonmalerei des 19. Jahrhunderts bis zu ortsspezifischen Installationen des neuen Jahrtausends - die Spanne ist ohne Zweifel sehr weitreichend, daneben mangelt es nicht an Komplexität im Netzwerk zwischen Politik und Kunst. Welche Thesen lassen sich zur Biennale und ihrer Entwicklung formulieren? Wie können all diese Verknüpfungen befriedigend erfasst werden? Robert Flecks Antwort ist: in Erzählungen, Märchen, Assoziationen. Sein Buch ist weniger eine systematisch Analyse des Machtstrukturen, die Kunst und Politik im Laufe der Jahrhunderts einander angenähert haben. Er bemüht sich nicht um Reduktion und Klarheit, sondern lässt zu, dass sich Fiktion, Gerüchte, Skandalöses und Namen, Daten und Fakten vermischen.
Seine essayistische Schreibweise vergegenwärtig den Schreibenden als Sprechenden, der dem Leser, nahezu wie ein Märchenonkel, Geschichten aus dem 20. Jahrhunderts erzählt. Wohl eher Geschichten, als eine Geschichte des 20. Jahrhunderts, wie der Titel vorgibt. Gedankt sei hier zumindest für das Wörtchen "eine", die sich glücklichersweise nicht anmaßt "die" Geschichte zu sein. (Anders als Enzo Di Martinos "The History of the Venice Biennal")
Es lässt sich nicht leugnen, dass der rote Faden im Gesamtzusammenhang fehlt. Trotzdem lässt sich feststellen, dass sich die einzelnen Kapitel jeweils mit einer Zeitspanne und einem Konflikt mal mehr, mal weniger ausführlich beschäftigen, wie z.B. Kapitel 5: "1930 Klee, Kandinsky & Co.: Das Fiasko der Avantgarde im deutschen Pavillon", in dem Fleck einige der Gründe erläutert, warum der deutsche Kommissar Hans Posse in diesem Jahr in heftige Kritik von deutscher und italienischer Seite geriet. Man stolpert von Kapitel zu Kapitel und fragt sich zu Zeiten, wohin die Reise gehen soll.
Sie beginnt bei einem Skandal, dem Gemälde von Giacomo Grosso 1895 und endet mit einem anderen: Maurizio Cattalans "La Nona Ora" von 2001; leider befriedigt die Feststellung, "Biennale als skandalumwittertes Massenevent", die leicht aufgesetzt das Buch zusammenhalten soll, nicht, wenn sie nicht tiefer geht und versucht in Bereichen Politik, Globalisierung, Machtverteilung (Wer verführt wen und warum?) nach Problemen, Verästelungen und Reduktionswegen zu suchen.
Weiter hat so ein essayistisches Projekt den Vorteil, dass es hier nicht auf Vollständigkeit ankommt; manche Informationen können im Abgleich mit der weiteren (wenigen) Fachliteratur als fragwürdig einzustufen werden.
Trotz aller Kritik halte ich das Buch durchaus für lesenswert, besonders für Fachfremde, da Robert Fleck es schafft die emotionalen Gefälle, denen die Biennale ohne Zweifel immer wieder ausgeliefert war und sein wird, gut in seiner Erzählweise einzufangen. Wenn man daneben auch bedenkt, wie wenig Literatur es zur Biennale gibt und dass aufgrund der zahlreichen, oft widersprüchlichen Perspektiven (innerhalb von 100 Jahren!) die Quellenrecherche sich nicht einfach gestaltet, (Robert Fleck spricht die Schwierigkeiten selbst im Vorwort an) versteht man auch, das dieses Buch erst der Beginn einer Auseinandersetzung mit der Biennale sein kann und hier aber seinen Dienst mehr als z.B. die Biennale Homepage, mit unvollständigen und minimalen Ausführung zur Geschichte, erfüllt.