2.0 von 5 Sternen
Übersetzung mit teilweise erstaunlichen handwerklichen Mängeln, 5. April 2011
Ich mag Urs Engelers Verlag und halte grosse Stücke auf seine zahllosen Entdeckungsleistungen auf dem Gebiet der (zeitgenössischen) Lyrik. Mit ein Grund - neben der Zuneigung zu Emily Dickinsons Gedichten und dem Umstand, dass es sich um eine zweisprachige Ausgabe handelt -, weshalb ich dieses Büchlein erworben habe. Es ist viel geschrieben worden, was die Übersetzbarkeit dieser Lyrik angeht, davon sei hier nicht die Rede. Andere zweisprachige Ausgaben sind indes greifbar - etwa jene der Dieterich'schen Verlagsbuchhandlung (1995, 2001) mit den Übersetzung von Werner von Koppenfels und in jüngster Zeit die umfassende Ausgabe bei Hanser, die Gunhild Kübler besorgt hat -, die weit mehr zu überzeugen vermögen. Damit seien nicht grundsätzliche Entscheidungen angesprochen wie etwa jene, ob und wieweit rhythmische Eigenarten und/oder Reimformen in der Zielsprache wiederzugeben versucht werden, und ganz allgemein die Freiheiten der Übersetzung.
In Engelers Ausgabe übersetzt mit Wolfgang Schlenker ein Lyriker, über dessen Lyrik hier mangels eigener Kenntnis nichts ausgesagt werden kann und soll. Seine Arbeit als Übersetzer vermag hier indessen nicht restlos zu überzeugen, und dies weniger aufgrund im engeren Sinne poetologischer Entscheidungen, sondern vielmehr, weil einige seiner Übertragungen ans Fehlerhafte rühren oder gar schlichtweg falsch sind. Der Zugang zu Gedichten, die sich schon im Original - und das ist das Schöne an ihnen! - einem raschen und vereindeutigenden Zugriff entziehen, wird damit erst wirklich verstellt...
Als Beispiel zur Untermauerung dieser Einschätzung sei Nr. 971 ("Peace is a fiction of our Faith...") näher untersucht. "[...] The Bells a Winter Night / Bearing the Neighbour out of Sound / That never did alight." Gewiss, einige Übersetzungsvarianten sind denkbar, diese nun aber nicht: "Die Glocken sind eine Winternacht / Bekräftigen den Nachbar mit ihrem Klang / Der niemals Licht gebracht." Dass die Glocken eine Winternacht sein sollen (The Bells [are] a winter night) - nun gut. Es stimmt, die Dichterin nimmt sich nicht selten die Freiheit der Auslassung (nebst anderem). Nicht weniger denkbar wären somit aber auch: The Bells [of]/[in] a winter night.
Schon schwerer nachvollziehbar wird dann die folgende Zeile, wo man sich fragt, woher Schlenker das "Bekräftigen" nimmt. Näher liegend, m.E.: "Tragen den Nachbar [wahlweise: Nachbarn] ausser Hörweite". Vielleicht auch "gebären" die Glocken den Nachbarn "aus Klang"; es liesse sich also in guter Absicht unterstellen, Schlenker habe mit "bekräftigen" genau letzteres sagen wollen. Warum der Nachbar nun aber gerade mit Glocken auf sein Dasein aufmerksam machen bzw. aus Glocken geboren sein soll, bleibt Schlenkers Geheimnis. Weniger geheimnisvoll wäre es, sich z.B. vorzustellen, dieser Nachbar fahre auf einem glockenbehangenen Pferdeschlitten in die Winternacht hinaus. Dann jedoch ergäbe es einigen Sinn, "Bearing the Neighbour out of Sound" eben so zu verstehen, dass der Nachbar zusammen mit den sich entfernenden Schlittenglocken "ausser Hörweite" getragen wird.
Wirklich schmerzhaft wird es in der letzten Zeile: Gut möglich, dass "alight" für im Englischen nicht übermässig Bewanderte etwas mit Licht zu tun haben mag. In Tat und Wahrheit meint es allerdings soviel wie: "aussteigen", "absteigen", "sich niederlassen"; es bezieht sich mithin am wahrscheinlichsten auf den Nachbarn, der hier - im Haus der sprechenden Person? - niemals abgestiegen ist. Denkbar noch, dass es sich auf den Glockenklang beziehe, der nie über dem Haus der sprechenden Person niedergegangen ist. Schlichtweg keine Option hingegen ist irgendwelche Lichtbringerei, auch wenn Schlenker damit wenigstens den Reim des Originals (Night - alight) wiederzugeben vermag.
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