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5.0 von 5 Sternen
Über Schein und Sein - nicht nur in Afrika!, 24. Januar 2003
Rezension bezieht sich auf: An der Biegung des großen Flusses (Taschenbuch)
"An der Biegung des großen Flusses" ist nur sehr oberflächlich gesehen ein Roman über das Leben im postkolonialen Afrika - denn wie der aufmerksame Leser rasch bemerken wird könnte sich die Geschichte, die sich um Schein und Sein im Leben dreht, ebenso gut anderswo, also auch hier bei uns, zutragen. Gerade diese Übertragbarkeit und die enorme Vielschichtigkeit machen diesen Roman erst so richtig genial und aussagekräftig.
Die Hauptfigur Salim, ein indischer Kaufmannssohn, verlässt die heimatliche afrikanische Ostküste, um im Landesinnern mit einem eigenen Laden sein Glück zu suchen. Doch das Land befindet sich im Umbruch. Salim ist ein Fremder in der Fremde, ebenso wie auch die aus anderen Teilen des Kontinents stammenden Afrikaner Metty, ein Nachkomme der Haussklaven der Familie, der Salim ungebeten von der Ostküste nachgefolgt ist, und Ferdinand, dem aus dem Süden stammenden Sohn einer in einem Nachbardorf lebenden Händlerin, der das hiesige Gymnasium besucht. An ihnen und anderen Charakteren zeigt Naipaul, wie schwierig es sein kann, seinen eigenen Weg auf dem schmalen Grat zwischen Sein und Schein zu finden, zumal noch in einem Land, in dem jegliche Sicherheiten für eine solide Lebensplanung fehlen.
Der Ich-Erzähler Salim wird zunächst als ein sehr unsicherer Mensch beschrieben, der stets großen Wert auf die Sichtweise anderer legt und sich an dieser zu orientieren versucht. Diese Unsicherheit, aus der Zukunftsängste erwachsen, gibt er bereits anfangs in einem Rückblick auf seine Kinder- und Jugendzeit an der ostafrikanischen Küste zu, als ihm erst durch die Abbildung einer Dhau auf einer europäischen Briefmarke bewusst wird, was die Region, in der er lebt, eigentlich ausmacht (S. 25): „So lernte ich erstmals wirklich sehen.. Schon in frühen Jahren gewöhnte ich mir also an, richtig hinzusehen - einen Schritt zurück zu treten und das Vertraute mit Abstand zu betrachten. Aus diesem Abstand schien es mir immer stärker, dass wir uns als Gemeinschaft überlebt hatten. Und damit begann meine Unsicherheit..". Im Verlauf des Romans wird jedoch deutlich, welch eine Entwicklung Salim durchlebt, wie er zusehends „wirklich sieht" und das Gebaren der anderen, die einst Leitbilder für ihn waren, durchschaut und dadurch selbstsicherer wird. Zunächst aber wird Salim's Unsicherheit dadurch verdeutlicht, dass er vor allem die Meinung und das Handeln von Bekannten und Freunden beschreibt, diese zum Vorbild nimmt und sich selbst und seine eigene Meinung mehr oder weniger dahinter verschanzt. Zu diesen Personen zählen unter anderem Indar und Raymond. Im Verlauf des Romans werden jedoch beide dieser Idole in sich zusammenstürzen:
Indar, sein Freund aus Kindheitstagen, outet sich selbst indem er zugibt, wie erfolglos sein bisheriges Leben trotz des Studiums in England war. Allein geplagt von der Sorge, als Ausländer aus einem Entwicklungsland bloß nicht überwältigt von all dem Neuen um ihn herum zu wirken, hat er nach eigenem Befinden von der fremden Kultur nichts begriffen, nichts hinterfragt, nichts dazugelernt (S. 211).
Raymond steht dem Präsidenten nahe und gilt überdies als Afrikaexperte, als „einer der Großen Afrikas". Doch wie groß ist Salims Entsetzen, als er dessen Veröffentlichungen durchliest und feststellen muß, dass dieser Europäer in seinen Artikeln zur neuesten afrikanischen Geschichte nie etwas kritisch hinterfragt hat, nie mit Augenzeugen gesprochen hat, kurzum: dass er überhaupt nichts von Afrika verstanden hat...
Interessant in bezug auf Europäer ist aber bereits Salim's Erkenntnis auf Seite 27: „..Feste Vorstellungen...machten ihre Überlegenheit aus. Die Europäer wollten Gold und Sklaven...aber zugleich wollten sie sich als Wohltäter der Sklaven ein Denkmal setzen..", - und es gelang ihnen beides. Durchaus auf das Heute und die „westliche Welt" übertragbar.
Die interessanteste Nebenfigur des Romans ist wohl Ferdinand, dessen Entwicklung vom jugendlichen Afrikaner zum Staatsbediensteten die kulturelle Zerrissenheit des postkolonialen Afrikas offen legt. Ferdinand ist ein afrikanischer Jugendlicher ohne die räumliche Nähe des Vaters auf der Suche nach kultureller Identität, Selbstwertgefühl und einem eigenen Lebensweg, ohne dabei jedoch auf ein wegweisendes Leitbild zurückgreifen zu können.
Sein Freund Metty dagegen bleibt stets farblos und unterwürfig, ein ehemaliger Sklave, der es nicht wagt, sein eigenes Schicksal eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen, sondern sich stattdessen immer von jemanden abhängig machen will, von dem er sich Reichtum und Ansehen verspricht.
Was an all den beschriebenen Charakteren (Nazruddin, Mahesh, Indar, Raymond) so interessant ist, ist wie sie sich alle verbiegen und verstellen, um vor sich und anderen etwas darzustellen - mehr Schein als Sein, wie immer und überall also. Und wie auf dem Buchrücken bereits zu lesen ist: „ So ist die Welt; wer nichts ist, wer es geschehen lässt, dass aus ihm nichts wird, hat keinen Platz darin." Allein Salim bleibt sich gemäss der Weissagung Nazruddin's selber treu, verkauft sich nicht und hat es so gesehen als einziger geschafft, mit sich selbst in Frieden zu leben und glücklich zu sein.
Fazit: Ein sehr, sehr vielschichtiger Roman, der viel Interpretationsspielraum lässt, der aber dennoch leicht zu lesen ist - worin allerdings auch eine Gefahr besteht (die Geschichte spielt mit Sicherheit NICHT in Uganda! Und wenn - dann spielt das, wie gesagt, keine Rolle für die eigentliche Aussage, die doch viel gewichtiger ist!): bitte nicht einlullen lassen! Nachdenken!
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Wunderschön und fesselnd, 30. Dezember 2005
Rezension bezieht sich auf: An der Biegung des großen Flusses (Taschenbuch)
In seinem Buch An der Biegung des großen Flußes beschreibt V.S. Naipaul das Leben des indischen Kaufmannssohnes Salim, der von der afrikanischen Ostküste in das Landesinnere des Kontinentes zieht und dort in einer nicht näher genannten Stadt ein Geschäft eröffnet. Vorneweg: Die Geschichte steht bei diesem Buch nicht im Vordergrund, sie ist wenig spannend. Vielmehr sind es die interessanten Charaktere und deren Interaktion und Lebenswege sowie das beeindruckende Sittengemälde eines zerrissenen Afrikas, welche den Leser fesseln und bis zur letzten Seite nicht mehr loslassen. Mal amüsant, mal wieder traurig, aber immer charmant entführt V.S. Naipaul den Leser in diese für uns Mitteleuropäer fremde und seltsame Welt, die auf so vielen Ebenen doch der unseren gleicht. In diesen Augenblicken, in denen man die Parallelen der menschlichen Verhaltensweisen auch in vollkommen unterschiedlichen Situationen erkennen kann, entfaltet der Roman seine ganze Kraft. Vor allem die stets präsenten Gegensätze zwischen Schein und Sein, die der Autor gnadenlos präsentiert und analysiert, machen einen großen Reiz aus.
Fazit: Ein Buch zum Nachdenken, nicht geeignet um schnell gelesen zu werden, sondern um es zu geniessen. Vielschichtig und weitgefasst, wie Afrika selbst.
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