"Bibliotheque Pascal" ist ein außergewöhnlicher Film, irgendwo zwischen Drama, Traum und Fantasie, mit unglaublich vielen Abzweigungen, voll an Ideen und einem surrealen Gesamttouch. Mona will das Sorgerecht für ihre Tochter und sitzt deswegen bei dem zuständigen Jugendamtsmitarbeiter. Dieser möchte von ihr einige Angaben. Wer ist der Kindsvater? Was machte Mona in England? Was geschah in den letzten Wochen und wie stellt sie sich eine Zukunft vor? Der größte Teil des Streifens beschäftigt sich mit der Beantwortung dieser Fragen. Dabei taucht Mona in eine bizarre Welt ein, bei der Wirklichkeit und Traum, harte Realität und die große Welt ihrer Sehnsüchte zusehends miteinander verschmelzen, dabei gelegentlich nur ganz knapp am Kitsch vorbeischrammen. Zu keinem Zeitpunkt wird klar, was sie von dem Erzählten tatsächlich erlebte. Wurde sie wirklich von ihrem Vater auf einem Sklavenmarkt verkauft und arbeitete anschließend in der Bibliotheque Pascal, einem Bordell im Königreich? Einem Etablissment, in dem Frauen unter Drogen gesetzt werden und den Männern in nach literatischen Themen sortierten Räumen zur Verfügung stehen müssen? Besitzt ihre Tochter wirklich die Gabe Träume projizieren zu können, zum Beispiel einen Spielmannszug der den Radetzkymarsch spielt? Man taucht ein in eine surreale Welt, die wie ein großer Traum in bunten Farben wirkt, in ein Labyrinth aus Illusionen und Verdrängung. Die gesellschaftliche Verrohung, der Mißbrauch und der kulturelle Niedergang stehen im Fokus eines Märchens, welches durch seine langen Kamerafahrten und seine detailverliebten Arrangements und Kulissen zu überzeugen weiß. Man bekommt einen Film präsentiert, der radikal umgesetzt wurde, jedoch niemals so weit abdriftet, dass man den Boden der Unterhaltung verliert. "Bibliotheque Pascal" macht Spaß, auch wenn er beizeiten bedrückende Stimmungen verbreit und mit beängstigenden Bildern konfrontiert. Diese werden jedoch immer wieder aufgelöst,in dem Mona rechtzeitig zur Selbstbestimmung ihrer Traumfigur zurückfindet. In wie weit das Erzählte mit der eignen real erlebten Geschichte übereinstimmt, als Verdrängung des eigenen Mißbrauchs angesehen werden muß oder sich in der Geschichte lediglich der Fantasiereichtum der jungen Frau wiederspiegelt, bleibt dem Zuschauer überlassen. Und das ist gut so.
Dem ungarischen Regisseur und Drehbuchautor Szabolcs Hajdu gelang mit "Bibliotheque Pascal" ein beeindruckender Film. Ein Traum auf Leinwand, der sowohl beschwingend und leichtfüssig daherkommt, als auch in den Abgrund menschlicher Seelen abtaucht. Man merkt dem Filmemacher den Spaß an der Inszienierung der bunten Welt garadezu an, viele ungewöhnliche Ideen und Herangehensweise stecken in seinem Werk. Man kann auf weitere Filme gespannt sein.