Manseau ist ein wunderbares, poetisches Buch gelungen, das mich sofort in seinen Bann zog. Man legt es ungern zur Seite, wenn man erst einmal damit begonnen hat. Spannend geschrieben mit eindrucksvollen und sehr einfühlsam beschriebenen Charakteren ausgestattet und einer wirklich unglaublichen Liebesgeschichte.
Es ist die Geschichte einer lange unerfüllt gebliebenen Liebe. Die Geliebte weiß über 20 Jahre nicht einmal etwas davon, so leidenschaftlich geliebt zu werden, weil sich die Akteure - der russischstämmige jüdische Dichter Isaak (genannt Itsik) Malpesch und die Metzgerstoch-ter Sascha Bimko - nur einmal und zwar am Tag seiner Geburt begegnet sind, falls das ü-berhaupt als Begegnung bezeichnet werden kann. Nichts desto trotz gibt ihm diese Liebe Kraft, sich allen Widrigkeiten, die das Leben reichlich für ihn bereithält zu stellen. Diese Liebesgeschichte erzählt von den Schwierigkeiten des Sich-findens, wenn man nicht weiß, wo sich der andere befindet, vom scheinbar zufälligen Kennenlernen, vom Sich-Trennen und einem sehr späten, fast zu spätem glücklichen Wiederfinden. Die handelnden Personen stellen die Frage, ob ihre Begegnungen vom Zufall arrangiert wurden oder aber vom Schicksal lange vorherbestimmt waren und beantworten sie unterschiedlich - mit tiefgreifenden Konse-quenzen.
Schon auf den ersten Seiten fällt auf, wie virtuos der Autor mit der Sprache umgeht. Man darf ihn unbesorgt sprachgewandt und wortgewaltig nennen. Aber es geht nicht nur um Schönheit und Ausdruckskraft von Sprache. Die Sprache selbst und ihre Bedeutung, der Spielraum, den Übersetzer haben oder nicht haben, die Bedeutung des Jiddischen, die Horizonterweiterung durch Literatur, die Herstellung von Büchern und Zeitungen all dies sind Themen, die sowohl den Erzähler, einen jungen Archivar, als auch die Hauptfigur, den jüdi-schen Dichter Malpesch umtreiben. Literatur und Bücher sind ihr Leben. Es werden nahezu philosophische, aber auch soziologische Überlegungen angestrengt. Wer gerne mit Sprache umgeht, wird diese Passagen besonders mögen.
Das Buch ist trotz der rohen Gewalt, die schon zu Beginn geschildert wird und sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch zieht - Pogrome gegen Juden im zaristischen Russland, Gewalt gegen Tiere in einer halbautomatisierten Gänserupffabrik, gewaltsame Verschlep-pung jüdischer Jungen zur russischen Armee, Gewalt in Israel und nicht zuletzt einem Mord, ein stilles Buch. Ein stilles Buch insofern als keine Effekthascherei betrieben wird.
Beeindruckend sind die mit großer Anteilnahme und Sinn für Details dargebotenen Schilderungen menschlichen und tierischen Leids, die nie ins Banale oder Kitschige abgleiten. Man erfährt viel über das Leben der Juden im zaristischen Russland, vom Elend, aber auch vom Aufstieg jüdischer Emigranten in der Neuen Welt. Dass Manseau den jüdischen Hintergrund seiner Hauptpersonen nicht nur sachkundig und mit Liebe zum Detail dargestellt, sondern auch die Befindlichkeiten richtig erfasst hat, ist sicherlich eine der Gründe, weshalb der Autor als Nichtjude mit dem National Jewish Book Award und die Sophie Brady Medal for Outstanding Achievement in Jewish Literature ausgezeichnet wurde.
So weicht denn auch der Titel nicht ohne Grund vom amerikanischen Original ab: Songs for the butcher's daughter" wird zur Bibliothek der unerfüllten Träume", Träume insofern als, sie sich die jüdischen Eigentümer der Bücher aus Geldnot von ihnen trennen mussten, wodurch eine gigantische Bibliothek entstand.
Der Autor verwebt zusätzlich die Geschichte des Dichters und seines Übersetzers, der immer wieder mit Bekannten oder Themen des Dichters in Berührung kam, lange bevor er ihn kennen lernte.
Der einzige Wermutstropfen war für mich, dass das Glossar jüdischer Begriffe mit zwei Sei-ten sehr knapp geraten ist, auch wenn Begriffe im Text erklärt werden. Es wäre Leser freundlich, das Glossar bei der zweiten Auflage zu erweitern. Schlussendlich aber wurde die Freude, die dieses spannende Buch schenkt, nicht gemindert.
Peter Manseau ist ein Autor mit Tiefgang und einem großartigen Gefühl für Sprache, dem es gelingt, die richtige Mischung aus Spannung, historischem Hintergrundwissen und intellektu-eller Anregung zustande zu bringen. Allerdings wird er mich allerdings einiges kosten, denn ich habe vor, das Buch an eine ganze Reihe von Freunden und Bekannten zu verschenken, denen es mit Sicherheit sehr gefallen wird...