Wer dieses Buch liest, ohne dabei Tränen in den Augen zu haben, der hat ein paar mehr Probleme, als nur zu erwachsen geworden zu sein.
Meist wird diese Geschichte aus der Sicht der Wendy nacherzählt, die als kleines Kind Peter Pan begegnet und sich von ihm nach Nimmerland entführen lässt. Es ist eine schöne Phantasie eines kleinen Mädchens, über einen berühmten Helden, der kann, was sich Kinder schon immer zu können gewünscht haben, so unter anderem fliegen. Peter hat seine Jungs, und seine Welt ist voller Gefahren, mit Piraten, Krokodilen und Indianern. Am Ende muss er mit dem Bösen Kapitän Haken kämpfen. Und trotzdem er eigentlich schon eine Freundin hat, nämlich die kleine Elfe Klingklang, so zieht er dann doch Wendy dieser vor. Dass Wendy diese Geschichte verfolgt, bis sie selbst erwachsen wird, das ist deshalb nicht nur verständlich, es gibt diesem Buch auch die besondere Wendung, nämlich dass Kinderträume auch im Rückblick, aus der Perspektive einer Erwachsenen, eben nicht ganz die Bedeutung verlieren. Peter Pan, das ist ein Held, der bleibt, und das über Generationen. Das steht so im Buch und das ist auch in der Wirklichkeit so.
Aber eigentlich erzählt dieses Buch doch noch eine viel spannendere Geschichte. Sie ist nicht in jeder Ausgabe enthalten, aber doch in der meinigen, von 1966 (und ich hoffe jetzt mal einfach auch in dieser hier). Sie enthält eine Art von Vorgeschichte zu Peter Pan, ursprünglich veröffentlicht unter dem Titel "Peter Pan in Kensington Gardens", während die bekannte Story eigentlich "Peter und Wendy" genannt werden sollte. Diese Vorgeschichte erklärt, wie dieses besondere, nie alternde Kind Peter Pan entstanden ist. Und weil es eine so traurige Geschichte ist, wird sie in der Regel nicht verfilmt und leider auch zu selten erzählt.
In der Geschichte ist Peter Pan sieben Tage alt. Und als er feststellt, fliegen zu können, wenn er sich etwas wünscht, so sehr, dass es schmerzt wie Zahnschmerzen, fliegt er plötzlich in den Stadtpark. Es ist eine fremde Welt für ihn, in die er dort gelangt, dennoch verliert er sich in ihr. Und obwohl er seine Mutter liebt, kehrt er nicht zu ihr zurück, bis es zu spät ist. Er sieht ein anderes Kind in ihren Armen liegen. So muss er ein "Zwischending" bleiben, nicht alternd, in einer Welt der Elfen. Ein Einsamer, der sich nach dem Spielen mit normalen Kindern sehnt. Seine Mimi, eine Vorläuferin von Wendy, verliert er an ihre Mutter. Das zu lesen, das ist so schön traurig, dass es für Kinder kaum noch geeignet erscheint. Liest man dann "Peter und Wendy", dann erscheinen einem einige kleine Hinweise doch auf einmal ganz anders, so zum Beispiel das Thema der Verlorenen Jungen.
Es geht nicht nur um Kinderträume in Peter Pan, sondern auch um Kinderängste, um Einsamkeit, um die Furcht vor dem Verlust der Eltern. Es geht um die Mechanismen, mit denen sich Kinder und Erwachsene vor diesen Ängsten schützen. Es geht um Liebe, um Selbstbestätigung, um Freundschaft, um Verlust, um Verrat, um Schmerz und um Glück. So möchte ich diesen Peter Pan in der kompletten Fassung kaum mehr als ein Kinderbuch bezeichnen. Es ist mehr. Und wenn man es seinen eigenen Kindern vorliest, sollte man die Tränen notfalls auch einfach fließen lassen.