Heinrich Ignaz Franz von Biber (1644 - 1704): Die Rosenkranz-Sonaten und "Passagalia". Ausführende: John Holloway (auf zwei Amati-Kopien); Davitt Moroney, Cembalo und Orgel; Ensemble Tragicomedia (Stephen Stubbs, Laute und Chitarrone; Erin Headley, Viola da gamba, Lirone und Violone; Andrew Lawrence-King, Doppelharfe und Regal). Aufgenommen im Juli 1989 in der Sankt-Martinskirche, East Woodhay bei Newbury in der englischen Grafschaft Berkshire. Produzent: John H. West; Toningenieur: Mike Hatch. Erstveröffentlichung auf CD 1990. Diese Ausgabe erschien 2002 als Virgin Veritas 7243 5 62062 2 9. Gesamtspieldauer ca. 130 Minuten.
Die Musik Heinrich von Bibers ist in den letzten Jahrzehnten von der Alte-Musik-Bewegung neu entdeckt und gewürdigt worden. Gustav Leonhardt, Philipp Pickett, Reinhard Goebel, Peter Holman - alle haben wunderbare Biber-Aufnahmen vorgelegt. Auch von den Rosenkranz-Sonaten findet man jede Menge Einspielungen; und da ich keine der anderen kenne, werde ich dem Rezensenten nicht widersprechen, der John Holloways Aufnahme nicht auf der Pole-Position sieht. Dennoch: Es handelt sich hier um eine großartige Aufnahme, die die EMI für wenig Geld feilbietet und daher jeden an barocker Violinmusik Interessierten sofort zum Kauf motivieren sollte.
Die Musik selbst ist faszinierend. Biber schrieb diese Sonaten als Begleitmusik für katholische Gottesdienste. Sie sollen helfen, über die "Mysterien" nachzusinnen. Hierbei handelt es sich um 13 Ereignisse aus dem Leben Jesu, die musikalisch auf die eine oder andere Weise abgebildet werden. Dazu kommen am Ende zwei weitere Sonaten, die sich mit fiktiven Ereignissen um die Jungfrau Maria befassen - und daran, dass Biber hierfür seine wunderschönste Musik aufbewahrt, merkt man, dass er ein Erzkatholik war. Ganz zum Schluß gibt es dann eine Passacaglia (Biber schrieb: "Passagalia") für Violine solo. Die allererste Sonate sowie die Passacaglia sind für Violine in normaler Stimmung komponiert, ansonsten verwendet Biber überall Skordatura, d. h. die Violine wird anders gestimmt. Damit erzeugt er gerade in Verbindung mit den - wie damals üblich - von den Musikern frei zu wählenden Begleitinstrumenten sehr abwechslungsreiche, der Meditation dienliche Stimmungen. Die Musik ist nicht durchweg "programmatisch", doch hört man an manchen Stellen deutlich den Bezug zu den geschilderten Ereignissen.
John Holloway, über viele Jahre Konzertmeister bei den Taverner Players (Andrew Parrott), ist ein Meister seines Fachs, auch wenn seine Einspielungen manchmal etwas streng daherkommen. Holloway ordnet sich ganz den Anforderungen der Historizität unter. In diesem Falle klingt alles dennoch sehr lebendig dank der verschiedenen Continuo-Instrumente, die eine große Vielfalt an Klangfarben erzeugen. Hier kann man über zwei Stunden lang zuhören, ohne dass ein bisschen Langeweile aufkommt.
Technisch ist die Aufnahme gut, wobei es ein nicht zu überhörendes Grundrauschen gibt, das allerdings nie wirklich stört. Manchmal hört man aus der ländlichen Kirche, in der die Aufnahme gemacht wurde, auch Vogelgezwitscher. Was die EMI bzw. Virgin Classics sich dabei gedacht haben, als sie ganze 16 Sekunden Schweigen am Anfang der zweiten CD einfügten, weiß ich nicht. Das Beiheft ist dürftig, wie bei dieser Reihe so üblich. Allerdings enthält es eine Liste der weiteren Veröffentlichungen der Reihe, in diesem Fall kein billiger Werbegag, sondern nach Anhören der Musik muss ich sagen: Davon will ich mehr! Die Liste bietet eine ideale Grundlage fürs gezielte Einkaufen.