Wer träumt nicht davon, einmal auf Schatzsuche zu gehen? Sich mit einer Schatzkarte in der linken und einem Sparten in der rechten Hand auf die Suche nach einem vergrabenen Schatz zu machen? Mit diesem Bild vergleicht das Autorenpaar Helge Stadelmann (FTH Gießen) und Thomas Richter (Bibel-Seminar Königsfeld) die Exegese eines biblischen Textes. So will das Buch "Bibelauslegung praktisch" dem Leser bei der Hebung der verborgenen Schätze der Bibel helfen. Vor allem für theologische Laien soll es geeignet sein und die exegetische Grundlage für eine Bibelarbeit, Andacht oder Predigt bieten.
Drei Einzel-Etappen (Überblick - Einblick - Ausblick) muss der Exeget nun auf dem Weg zum Schatz der Bibel zurücklegen. In der ersten Etappe wird die Schatzkarte genau studiert (Überblick). Der Bibeltext wird in verschiedenen Übersetzungen mehrfach gelesen, ein vorläufiger Skopus wird erstellt und Fragen werden notiert. Im Anschluss unternimmt der Exeget in der zweiten Etappe die Reise zum Schatz und räumt währenddessen Hindernisse aus dem Weg. Hier finden sich all die Methoden wieder, welche dem Theologiestudenten aus dem exegetischen Proseminar bekannt sind, wie z. B. Textkritik, Historische Analyse, Intertextualität, Form- und Gattungsgeschichte, Semantische Analyse etc. Mit über 100 Seiten macht dieser Abschnitt auch den größten Teil des Buches aus. Am Ende steht das eigentliche Bergen des Schatzes (Ausblick). Der Ausleger erstellt hier eine ausführliche Zusammenfassung, inklusive einer alpha-numerischen Gliederung und schließt seine Arbeit mit einer "heilsgeschichtlichen Exegese" ab, einem auch sonst von Stadelmann bekannten Ansatz.
Die Frage nach der "ursprünglich von Gott intendierten Bedeutung der betreffenden Texteinheit" (15) zieht sich wie ein roter Faden durch dieses Arbeitsbuch. Dabei ist die Frontstellung gegen jegliche Form von postmoderner Exegese klar zu erkennen. Es gehe eben als erstes nicht darum, was der Text für mich sagt, sondern zunächst darum, was er an sich sagt. Und was der Text an sich sagt, lässt sich mit verschiedenen, der Bibel angemessenen Methoden ermitteln. Deshalb hat das Buch auch eine große Affinität zu einem Begleitbuch für ein exegetisches Proseminar, nur dass auf sämtliche Methoden der Bibelkritik verzichtet wird. Grundsätzlich ist die hier vorgetragene Warnung vor Subjektivismus bei der Bibelauslegung wohl auch angebracht. Allerdings droht Bibelauslegung dann in eine falsche Objektivität zu kippen, wenn Gott durch die Bibel nur noch mittels bestimmter Methoden sprechen kann, und sind diese der Bibel auch noch so angemessen. Dann steckt der Wurm im Methodischen an sich.
"Bibelauslegung praktisch" ist ein sehr übersichtlich gestaltetes Arbeitsbuch. Am Anfang eines Kapitels wird der Arbeitsschritt in einem Leitsatz gebündelt, und am Ende findet sich eine präzise Zusammenfassung. Deshalb eignet sich das Buch auch zum schnellen Nachschlagen. Grundsätzlich wird vom Ausleger ein hohes Maß an Einsatzbereitschaft und Kompetenz erwartet. Unter sechs Stunden sei eine Bibelauslegung anfangs nicht zu haben, auch allerhand Sekundärliteratur ist nötig. Ob das hier vorgeschlagene Modell einer Exegese auch für einen theologischen Laien geeignet ist, wird sich deshalb zeigen müssen.
Nach jedem Kapitel wird der Leser aufgefordert, den Arbeitsschritt an einem alt- und an einem neutestamentlichen Textabschnitt umzusetzen. Im Anschluss kann er dann überprüfen, ob er dabei auch den einen von Gott intendierten Textsinn zutreffend erfasst hat, denn auf der Homepage des Verlages finden sich die Lösungen für die einzelnen exegetischen Arbeitsaufgaben. Der Begriff "Lösung" irritiert mich an dieser Stelle. Aus jenem Grund frage ich mit einem leichten Augenzwinkern, ob es für Gott dann nicht leichter gewesen wäre, der Bibel gleich ein "Lösungsheft" beizulegen.
Wie fällt nun das Fazit aus? "Bibelauslegung praktisch" ist ein übersichtliches exegetisches Arbeitsbuch "in fromm", in dem ein starker Praxisbezug zu erkennen ist. Von einem historisch-kritischen Arbeitsbuch unterscheidet es sich primär in der Auswahl der Methoden. Man sollte beim Lesen jedoch nicht vergessen, dass es bei der Bibelauslegung in erster Linie auf eine Haltung und nicht auf eine besondere Methodik ankommt.
Malte Detje
ichthys 25 (2009), 2009|2, 249f.