Eine Biografie ist ja nun eigentlich die Darstellung des Lebens einer Person. Allein deshalb weckte dieses Buch mein Interesse, als ich es in der Buchhandlung erblickte, denn ich konnte mir zunächst nicht vorstellen, wie die Lebensgeschichte der Bibel aussehen soll bzw. was daran interessant sein könnte, da ich mich selbst bisher auch nie weiter mit der Bibelgeschichte befasst hatte, mit deren Inhalt aber durchaus vertraut bin. Ein Blick ins Buch machte mich zum neugierigen Käufer - und das hat sich echt gelohnt! Ich war überrascht, wie wenig ich über die Geschichte weiß. Vieles, was in der Bibel steht, beruht auf Irrtümern, Deutungs- oder Übersetzungsfehlern (etwa wie Maria zur Jungfrau wurde), aber häufig auch einfach auf Deutungen, die vorsätzlich zu bestimmten Zeiten von bestimmten Leuten aus bestimmten Gründen vorgenommen wurden. Auch gibt es einige, die die Bücher, die man ihnen zuschreibt, gar nicht geschrieben haben.
Diverse Wissenschaften, mit denen sich der Autor ausgiebig beschäftigt hat, konnten bereits vieles aufdecken. Was mir nie so bewusst war, war dass die Kirche, deren aktuelle Entwicklung ich so skeptisch sehe wie der Autor, diese Ergebnisse häufig ignoriert (und zwar auch die von Forschern aus den eigenen Reihen!) und ein bewusstes Missverständnis nicht nur in Kauf nimmt, sondern sogar dafür sorgt, dass nicht kritisch hinterfragt wird. Stattdessen sucht man den Weg zu den Fundamentalisten. Dieses Buch ist brisant, es wird vielen Kirchenvertretern nicht schmecken. Aber es ist ehrlich und trotz aller Kritik auch eine Hommage an die Bibel, deren Wichtigkeit zu keiner Zeit vom Autor geleugnet wird. Im Gegenteil: man erkennt deutlich, dass der Autor selbst gläubig ist, die Bibel ihm wichtig ist, er sich zwar kritisch, aber sehr respektvoll mit der Bibel auseinandersetzt, welche dadurch nur glaubwürdiger werden kann.
Und wenn man logisch darüber nachdenkt und sich daran erinnert, dass die Bibel eine lange Entstehungsgeschichte und eine Entwicklung mit vielen Veränderungen hinter sich hat und von Menschenhand geschrieben wurde, ist es völlig absurd, wenn man (als Mensch oder als Kirche) den Weg zum Fundamentalismus sucht oder, in anderen Worten, die Bibel wörtlich nimmt. Wer das Buch gelesen hat, muss und kann die Bibel nur anders verstehen, denn dieses Wissen, das der Autor hier vermittelt, verändert viele Aussagen und damit das gesamte Verständnis. Das ist nichts Schlimmes. Nein, das zu leugnen finde ich fatal. Und ehrlich gesagt wundert mich nach dieser Lektüre noch weniger, dass das Vertrauen der Menschen vor allem in die Kirche (dass ich als geringer erachte als der Glauben an das Wort Gottes und die Verbundenheit zur Heiligen Schrift) immer geringer wird.
Wer, wie offenbar (leider) der Rezensent vor mir, eine rein theologische Auseinandersetzung erwartet, wird natürlich enttäuscht sein. Der Sinn des Buches ist m.E. aber auch ein anderer. Und die Einbeziehung von erkenntnissen anderer Wissenschaften nicht nur erfreulich, sondern absolut notwendig. Sich rein auf die Theologie zu beschränken hieße die eigene Sicht zu beschränken. Und die Art, wie der Autor sich auf diverse Wissenschaften beruft, ist gelungen und überzeugend. Ein wirklich spannendes Buch, sehr interessant und auch brisant. Aber wie gesagt: einigen wird das nicht schmecken.