"Intentio vero nostra est manifestare ea quae sunt sicut sunt".
(Maxime Kaiser Friedrichs II.)
Über die Abstammung von Bianca Lancia (Lanza) ist wenig bekannt. Ihr Geburtsdatum schwankt um 10 Jahre zwischen 1200 und 1210, als Todesjahr wird der Zeitraum zwischen 1244 und 1246 angenommen. Bekannt wurde sie als Mutter von Constanza (Anna), Manfred und Violanta. Vater war der Stauferkaiser Friedrich II., der seine drei unehelichen Kinder durch die Heirat Biancas kurz vor ihrem Tod, nachträglich legitimierte. Auch über den Grund der Eheschließung, wahre Liebe oder politischer Zweck, wird bis heute heftig spekuliert und gestritten...
...so dass Siegfried Obermeier zur die Darstellung der Protagonistin seines Romans dank der fehlenden historischen Fakten einen breiten literarischen Freiraum nutzen konnte. Hierzu gehört auch die fiktive Familiengeschichte der Lancias. Wobei das mitunter recht deftige Liebesleben von Biancas Bruder Giordano einen besonderen Raum einnimmt. Die Geschichte Biancas macht jedoch nur einen relativ kleinen Anteil im Roman aus, den man eigentlich als historischen Roman um Friedrich II. bezeichnen könnte...
....denn neben den anderen Liebschaften des Kaisers stehen folgende Ereignisse stehen im Mittelpunkt und bilden mitunter Highlights der Handlung: Friedrich lange Auseinandersetzungen mit den Päpsten Gregor IX., Coelestin IV und Innozenz IV. Die 1231 erlassenen für das Königreich Sizilien erlassenen "Constitutiones Regni Siciliae". Der Kreuzzug Friedrichs II. (1229/29), der ohne das Vergießens von nur einem Blutstropfen zur Einnahme Jerusalems führt. Friedrichs andauernden Kampf gegen die Lombardische Städteliga und sein pompöser Besuch in Venedig im Jahre 1232. Seine Experimente zur Feststellung der Ursprache (S. 155) kommen ebenso zur Sprache, wie seine Ehe, Nebenfrauen, Kind und Kegel, sowie die Verheiratung seiner Tochter Costanza mit dem Byzantinischen Kaiser Johannes Dukas Vatatzes. Mit dem Protonarius Petrus de Vinea und dem Hochmeister des Deutschen Ritterordens Hermann von Salza, lässt Siegfried Obermeier auch die wichtigsten Begleiter des Kaisers auftreten. Daneben lässt der Autor Friedrich II. auch mehrmals (fiktive) theologische Gedanken äußern; Höhepunkt ist ein religiöser Disput mit einem Mullah (S. 384), den der Kaiser klar für sich entscheiden kann.
In den spannend geschriebenen Roman haben sich einige Anachronismen und andere Fehler eingeschlichen, die eine nähere Betrachtung verdienen.
Das Buchcover stammt aus dem erst - zwischen 1300 - 1340 - entstandenen Codex Manesse (Miniatur 249r) und zeigt den Minnesänger Konrad von Altstetten mit einer Geliebten und einem Greifvogel. Trotzdem wird oftmals behauptet, dass es sich um Friedrich II. und Bianca handelt. Als Buchcover hält timediver® das Motiv dennoch für eine gelungene Wahl.
Ein Wurfbeil hätte jedoch einen weiten Weg zu fliegen gehabt, um einen Kürbis zu treffen (S. 57), denn die Pflanzen der Gattung Curcurbita waren im 13. Jahrhundert ausschließlich in Amerika beheimatet. Die erste Frau des Propheten Mohammed hieß nicht Amina (S. 150), sondern Chadidja bint Chuwailid. Dass Venedig den Türken vor kurzem gestattet habe, am Canal de Grande einen "Fondaco die Turchi" zu errichten (S. 192) ist ebenfalls anachronistisch. Ein aus Pesaro stammender Giacomo Palmieri hat im Jahre 1225 am Canal de Grande in Sestiere di Venezia einen Palast errichten lassen. 1621 wurde dieser Palast von osmanischen Händlern als Wohn- und Lagerhaus gepachtet und erst dann als Fondaco die Turchi bezeichnet. Daher kommt auch eine rote Fahne mit weißem Halbmond und Stern (S. 192) für Venedig zu, denn die Osmanen - die sich erst zum Ende des 13. Jahrhunderts konstituierten - führten eine solche erst im Jahre 1793 ein. Ein gemeinsamer Aufenthalt Friedrichs und Biancas des oktogonalen Castel del Monte (S. 333 ff.) ist freiweg erfunden. Die heutige Forschung geht davon aus, dass Friedrich II. das Kastell wahrscheinlich nie - und wenn nur einmal kurz vor seinem Tod (1250) besucht hat. Dass in der Zahl acht kaum etwas Christliches zu finden ist (S. 332) ist unzutreffend, den in der christlichen Zahlensymbolik des Mittelalters ist die Acht die Zahl des glücklichen Anfangs, des Neubeginns, der geistigen Wiedergeburt, der Taufe und der Auferstehung und des Neuen Bundes. Die Erwähnung Konrads von Thüringen als neuen Hochmeister des Deutschen Ordens nach dem gemeinsamen Aufenthalt im Castel Monte, wirbelt den historischen Ablauf gar total durcheinander, denn der bis 1250 dauernde Bau war erst 1240 begonnen worden, dem Jahr in dem Konrad von Thüringen nach einjähriger Amtsführung bereits verstorben ist.
Der Roman kann jedoch mit keinerlei Materialien wie Landkarten, Stammbäumen, einem Dramatis Personae oder einem Glossar aufwarten. Der Leser wird mit einer Vielzahl kursiv geschriebener Fremdworte und Überlegungen - ob eine Figur oder ein Ereignis fiktiv oder historisch ist - alleine gelassen. Der Roman hat trotz aller Kritikpunkte das Attribut historisch durchaus verdient und ist anderen Romanen um Friedrich II., wie "
Wie ein Lamm unter Löwen: Historischer Roman", "
Der Jahrtausendkaiser: Roman von der verlorenen Zeit" "
Der Falke von Palermo" vorzuziehen. Als flankierende Sachliteratur empfiehlt timediver® "
Friedrich der Zweite: Ein Sizilianer auf dem Kaiserthron".
Leider hat Siegfried Obermeier die Publikation seiner "Bianca Lancia" nicht mehr erleben können, da er am 21. Januar 2011, seinem 75. Geburtstag in Oberschleißheim verstorben ist. Die "auf einem anderen Blatt stehende Geschichte" der Costanza di Staufen ( Anna di Sicilia), die als hochbetagte Nonne in Spanien starb (S. 397) muss nun von einem anderen Autor geschrieben werden.....
An dieser Stelle möchte sich timediver® herzlich für die historischer Romane und Sachbücher Siegfried Obermeiers bedanken, die mich nicht nur bestens unterhalten, sondern mir auch zahllose Anregungen bieten konnten, wie z. B. "Kreuz und Adler. Das zweite Leben des Judas Ischariot." (1978), "
Walther von der Vogelweide. Der Spielmann des Reiches" (1980), "
Richard Löwenherz. König, Ritter, Abenteurer. Biographie." (1982), "und baute ihr einen Tempel. Roman um Ramses II."(1987), "
Torquemada. Der Grossinquisitor - Symbol für Angst und Schrecken." (1992), "Im
Im Zeichen der Lilie. Der Roman über Leben und Zeit des dämonischen Ritters Gilles de Rais, Kampfgefährte der Johanna von Orleans" (1994), "
Die unheiligen Väter. Gottes Stellvertreter zwischen Machtgier und Frömmigkeit" (1995), "
Echnaton. Im Zeichen der Sonne" (1998).