Pressestimmen
Das im Nordosten des heutigen Polen gelegene Bialystok ist einer jener traumatischen Orte, die nach Auffassung des Osteuropahistorikers Karl Schlögel einer historiographischen Neuentdeckung harren. Die Herausgeber des Bandes "Bialystok in Bielefeld" haben diese Forderung aufgegriffen und die westdeutschen Nachkriegsprozesse gegen Verantwortliche des Judenmords in Bialystok als Ausgangspunkt genommen, um sowohl regionalgeschichtliche Dimensionen des NS-Terrors während der Besatzungszeit als auch deren justizielle Rezeption nach 1945 nachzuzeichnen. Die reichhaltige Geschichte Bialystoks bleibt jedoch nicht auf ein Panorama des Schreckens reduziert; parallel dazu werden vielmehr auch die jahrhundertealten Traditionen einer Gegend in den Blick genommen, die sich durch hohe Mobilität, kulturelle Vielfalt und politische Diskontinuität auszeichnet. Überhaupt sind es die Interviews mit den Überlebenden, welche eine besonders positive Hervorhebung verdienen, geben sie der Lektüre doch manche neue und überraschende Wendung. Dabei versteht es sich von selbst, dass deren teils hoffnungsvolle, teils skeptische Ansichten zur strafrechtlichen Selbstaufklärung der Deutschen auf keinen gemeinsamen Nenner zu bringen sind. Abgerundet wird die solide Publikation durch eine CD-ROM mit Tonbandmitschnitten aus Verhandlungen, Fotos sowie Kopien urkundlicher Beweismittel, welche das Bielefelder Schwurgericht seinerzeit zur Beweisführung heranzog. Annette Weinke; H-Soz-U-Kult, 26.5.2004
Kurzbeschreibung
Der Band behandelt NS-Verbrechen, die im »Bezirk Bialystok« in den Jahren 1943/44 begangen und zwischen 1958 und 1967 vor dem Landgericht Bielefeld verhandelt wurden aus historischer, strafrechtlicher und rechtsphilosophischer Sicht. Die Verfahrenskategorie »Deportationsverbrechen« kam in der gesamtdeutschen Rechtsprechung selten vor. Den Kommandeuren der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes und ihren Mitarbeitern wurde Beihilfe zum Mord an mehr als 30.000 Ghettobewohnern vorgeworfen. Der Schuldnachweis gelang nur aufgrund einer komplexen Erfassung der historischen Zusammenhänge durch das Gericht. Die CD bietet eine Fülle an Dokumenten, Fotos, Karten, Interviews mit beteiligten Juristen sowie die Möglichkeit, eine äußerst seltene, authentische Quelle – Tonbandausschnitte aus den Vernehmungen der Hauptverhandlung – im Originalton zu hören.