BUCHREZENSION Elisabeth Lindner/Kurt Wawra BEZIEHUNGsCOACHING Emilia Verlag, Wien 2000
WIDER DIE HALBHERZIGKEIT IN DER LIEBE
Der ständig steigenden Zahl der Trennungen und Scheidungen steht ein ebenso wachsendes Angebot an Beziehungsliteratur gegenüber. Nicht leicht für Betroffene, im Bücherdschungel die passende Lektüre zu finden, nicht leicht für Fachleute, noch etwas Interessantes aufzustöbern, ist doch schon so viel über dieses Thema gesagt und geschrieben worden. Mit „Beziehungscoaching" ist dem Therapeutenpaar E.Lindner/K.Wawra ein Sachbuch gelungen, das den schwierigen Spagat schafft, gleichzeitig ein klärendes, hilfreiches Buch für Laien und eine anspruchsvolle, anregende Lektüre für Fachleute zu sein. Psychotherapeutische Heimat der Autoren ist die Logotherapie und Existenzanalyse Viktor E. Frankls. In seinen Büchern betonte Frankl stets die grundsätzliche Freiheit des Menschen, welche er als die Fähigkeit definierte, zu den Gegebenheiten des Lebens Stellung zu beziehen. Jeder Mensch habe die Möglichkeit und das Bestreben, sein Leben innerhalb des eigenen Rahmens wertorientiert und sinnvoll zu gestalten. Diesem Grundverständnis fühlen sich Lindner und Wawra in ihrem Buch verpflichtet. „Beziehungscoaching" ist denn auch kein Ratgeber, sondern lädt ein zur persönlichen Auseinandersetzung und zur aktiven Beziehungsgestaltung. Thematisch spannt das Buch den Bogen über den gesamten Beziehungshorizont. Grundsätzliche Überlegungen zu den zentralen Begriffen des Beziehungslebens - Liebe, Freiheit, Treue, Selbsttreue - finden sich ebenso wie eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Thema Sexualität und der Wichtigkeit einer funktionierenden sexuellen Kommunikation. Einen breiten Raum widmen die Autoren dem Thema der Paarwerdung und dem „präventiven Beziehungscoaching". Sie laden ein, sich im Vorfeld oder im Anfangsstadium einer Beziehung Gedanken über die eigenen Vorstellungen und Lebenspläne zu machen und diese dann zu kommunizieren, um spätere Konfliktfelder mit dem Partner zu vermeiden. Schwerpunkt des präventiven Beziehungscoachings ist die Schulung der Beziehungsfähigkeit und ihr Einsatz ist bei den wichtigsten Schnittstellen des Beziehungslebens angezeigt: bei der Partnerwahl, im Übergangsstadium von der Verliebtheit zur Liebe und bei geplanten Lebensveränderungen. Für Therapeuten anregend und interessant ist der vierte Abschnitt des Buches, in welchem die Autoren ihr paartherapeutisches Konzept vorstellen. Ihr Ansatz ist lösungsorientiert und darauf ausgerichtet, die Kommunikationsfähigkeit des Paares wiederherzustellen. Anhand von Fallbeispielen erläutern sie ihre Interventionstechniken, die durch Einfachheit und Effizienz bestechen. Es ist nicht die Zielsetzung jeder Paartherapie, daß die Partner wieder zueinander finden. Lindner und Wawra treten ein für Selbsttreue, Echtheit und Aufrichtigkeit in Beziehungen. Beziehungscoaching kann auch bedeuten, einem Paar bei der Loslösung voneinander zu helfen. Der letzte Teil des Buches behandelt die Themen Trennung und Dreiecksbeziehungen. Er beinhaltet Hilfestellungen, um sich wirklich entscheiden und sich von Zwischenlösungen verabschieden zu können. Das existentielle Grundverständnis der Autoren kommt hier nochmals besonders zum Ausdruck: Trennungsfähigkeit wird als Teil von Beziehungsfähigkeit gesehen und ist eine echte Leistung, beinhaltet sie doch die Fähigkeit, mit Gefühlen von Angst und Schuld umzugehen. „Beziehungscoaching" zeichnet sich aus durch Einfachheit, Klarheit und Praxisbezogenheit, es ist lebensnahe und doch mit philosophischem Tiefgang geschrieben. Ausgehend von den gängigen Konfliktfeldern des Beziehungslebens handelt es von grundlegenden Menschheitsthemen: von der Spannung zwischen Freiheit und Bindung, Verantwortung und Schuld, sowie von der Schwierigkeit sich einlassen und sich verabschieden zu können. Mit einem Wort: es ist ein äußerst lesenswertes Buch.