Musik ist Leidenschaft. Für mich zumindest. Ist Lebenseinstellung. Ist Persönlichkeit. Kann man also ein Hörerlebnis neutral rezensieren? Es gibt Nennimpendanzen, Empfindlichkeiten, Frequenzgänge und vieles mehr - und doch beschreibt nichts davon auch nur annähernd das Gefühl, wenn diese eine, geniale Stelle im Song kommt, bei der sich die Nackenhärchen sowieso schon aufstellen, und plötzlich alles noch ein bisschen intensiver ist als sonst. Kann man da neutral bleiben? WILL man da neutral bleiben? Diese Rezension erzählt vom Ende meiner ganz persönlichen, subjektiven Reise - einer Reise, auf der ich teils längere, teils flüchtige Bekanntschaften gemacht habe und die mich schließlich (nach viel Freude mit einem Shure SRH 750 DJ) zum Custom One Pro (im Folgenden COP) geführt hat - bei diesem habe ich nun das Gefühl, wirklich angekommen zu sein.
Warum? Ich habe die eierlegende Wollmilchsau gefunden, die es lange Zeit einfach nicht gab:
- Ohrumschließend
- Geschlossen
- Für den mobilen Einsatz geeignet, d.h. Treiber mit geringem Widerstand, um den Hörer auch am iPod zu betreiben
- Steckbares, kurzes, gerades Kabel
- Warme bis basslastige Abstimmung mit sauber definierten Höhen. Einerseits weil es zu meiner Musik (zu 85%: Indie, Alternative und Hardcore) passt, andererseits um die klanglichen Schwächen des iPod abzufangen.
Als Beyerdynamic Mitte 2012 den COP vorgestellt hat, sorgte er sogar in fachfremden Kreisen (selbst Focus und Spiegel berichteten) teils für einen entrüsteten Aufschrei, zumindest aber für Stirnrunzeln: Die Heilbronner wollen offensichtlich Fuß in einem Marktsegment fassen, das durch mediale Präsenz im Moment von den "Beats" beherrscht wird. Die Rückkehr der klobigen Overears, "aber schick sollen sie doch bitte schon sein. Und trägt die nicht auch dieser Promi...?" oder so ähnlich. Ein ungewöhnlicher Schritt für die deutsche Hifi-Manufaktur, die sonst ja eher das audiphile Publikum anspricht. Aber man hat die Zeichen der Zeit erkannt (etwas spät, könnte man unken) und möchte sein Zielpublikum erweitern. Ein gewagter Schritt, der mir entgegen kommt, passt der Kopfhörer doch perfekt zu meinen Wünschen.
Zunächst zum Wichtigsten, dem Klang: Hier bringt der COP eine Besonderheit in Form von variablen "Custom Sound Slidern" mit sich, um den Klang des COP in vier Stufen anzupassen. Da dies nicht elektronisch sondern durch Öffnen und Schließen der Bassreflexboxen in den Schalen umgesetzt wird, verändern sich nicht nur die Bässe, sondern das gesamt Klangbild wird offener, druckvoller und eben basslastiger. All zu viel sollte man sich hier nicht erwarten, die mittleren beiden Stufen ermöglichen jedoch, je nach Lust, Laune und Musikrichtung mit einem Handgriff deutliche Akzente zu setzen - 1 ist mir persönlich zu analytisch und flach, 4 grenzt bei sowieso schon knackig abgemischter Musik an Gewummer, bleibt in den Höhen aber sauber. Die beworbene "variable Geräuschunterdrückung" ist jedoch Blödsinn und einfach ein Nebeneffekt der geöffneten Bassreflexboxen. Der COP ist geschlossen und bei mittleren Lautstärken hört man in beide Richtungen das, was man soll: Nichts.
Von den Sound Slidern abgesehen würde ich den COP eine Spur neutraler einordnen als den Shure. Letzterer zeigt sich oben- und untenrum deutlich agressiver, was man ja von einem DJ-Kopfhörer auch erwartet. Die Schalen des Beyer sind sehr voluminös, der Klang entfaltet sich mehr als bei anderen Hörern, wodurch er im Vergleich räumlicher, wärmer und entspannter, aber auch etwas flacher wirken kann (v.a. wenn er frisch aus der Packung kommt. Bereits eine kurze Einbrennzeit hat hier Wunder gewirkt!). Durch die größere Distanz zu den Ohren und dem größeren zu füllenden Volumen ist der COP zudem leiser, als die 16 Ohm-Treiber auf dem Papier vermuten lassen würden, aber immer noch laut genug um am iPod nichts mehr von seiner Umwelt mitzubekommen. Stichwort iPod: Das wärmere, erdigere Klangbild des COP geht an diesem etwas verloren, fängt den flachen iPod aber etwas ab. Alles in allem hat man hier einen Hörer, der zwar nicht für das HiFi-Segment konzipiert ist, aber durchaus in diesem mitspielen kann.
Materialien, Verarbeitung und Tragekomfort sind hervorragend. Zwar sind die Schalen aus Kunststoff, wirken jedoch stabil wie ein Panzer. Insgesamt kommt der COP im Originalzustand zwar schick, aber auch leicht grobschlächtig daher. Allerdings bietet er, wie der Name verspricht, die Möglichkeit, für ca. 9.90 pro Teil Kopfband, Ohrpolster und Abdeckungen an der Seite in gewünschten Farben, Materialien und Designs nachzubestellen (über die Homepage von Beyerdynamic). So kann man nach Lust und Laune für einen geringen Aufpreis den COP dem aktuellen Geschmack anpassen. Ich persönlich verwende im Moment die Velourspolster des DT770, die jedoch etwas Druck aus dem Klang nehmen. Wirklich genial ist zudem das System zum Wechsel der Ohrpolster, das durch eine kleine Aussparung ein einfaches "aufdrehen" ermöglicht. Wer jemals fluchend Ohrpolster auf einen anderen Kopfhörer aufgezogen hat und dann das System des COP nutzt, versteht, was ich meine. Einziger Kritikpunkt ist das steckbare Kabel: Beide Seiten bestizen eine 3.5 mm-Klinke (den proprietären Eingang auf Kopfhörerseite kann man zur Not umgehen), allerdings ist die Länge von 1.5 m etwas zu lang für den Gebrauch unterwegs und zu kurz für den Heimgebrauch. Hoffentlich gibt es da bald Alternativen in anderer Länge.
Alles in allem ist der COP ein funktioneller und hochwertiger Kopfhörer, der eher für den Gebrauch unterwegs konzipiert ist aber sich dennoch nicht hinter HiFi-Kopfhörern verstecken muss. Der Preis ist hoch aber angemessen, man bekommt hier wirklich viel für sein Geld, Zubehör bzw. Ersatzteile sind zudem nicht unverhältnismäßig überteuert. Die Sound-Slider sowie die Variationsmöglichkeiten der Optik sind ein netter Pluspunkt. Ich bereue den Kauf nicht, setze den COP wieder auf und während ich mich auf den Weg mache, bin ich froh, endlich angekommen zu sein.