Ein faszinierendes und mutiges Werk!
Folgt man diesem spannenden Buch, wird dem Leser eins immer klarer: Die unmittelbar erfahrbare Welt, die uns jeden Augenblick erscheint, ist primär und unhintergehbar. Jeder Versuch, die Welt durch dahinter liegende "Dinge an sich" (bzw. Atome, Moleküle etc.) zu erklären, setzt sie zwangsläufig immer schon voraus. Was heißt es dann aber, unsere Welt wissenschaftlich erklären zu wollen? Gibt es eine abstrakte mathematische, gleichsam göttliche Welt hinter den Phänomenen? Wenke kommt zum Schluss, dass eine solche nur eine intellektuelle Konstruktion ist. Wirklich ist allein die phänomenale Welt, wie sie uns erscheint und in der wir leben.
Die phänomenale Welt kann naturwissenschaftlich nicht erforscht werden. Die Naturwissenschaften beschränken sich auf effektive, nützliche und praxisbezogene Forschung, die nicht auf Erkenntnis und Verstehen, sondern vor allem auf technologisches Wissen und absichtsvolle Manipulation von Natur und Mensch ausgerichtet ist. Sie ist aber weder dazu bestimmt noch geeignet, den philosophischen oder spirituellen Wissensdurst von Menschen zu stillen. Die Phänomene selbst sind der mögliche Zugang zum Geistigen, sofern man für dessen Erleben offen ist, es zulässt (Wenke, Kap. V.). Faszinierenderweise skizziert der Autor hier z.B. den Buddhismus als Beispiel für praktisch gelebte Phänomenologie.
Im Gehirn kann es keine seelischen Inhalte geben, das Bewusstsein ist kein räumlicher Zustand, sondern ist delokalisiert. Daher gibt es im Gehirn auch keine Gedanken: "Man schaut gerade nicht ins Bewusstsein hinein ... man schaut einfach wieder auf eine Dingoberfläche... Man verpasst das Phänomen, weil man das Subjekt in ,psychischen Daten' sucht, so wie man etwas ,Eigentliches' im Innern einer Holzpuppe vermutet und sie deshalb suchend zerlegt" (MW, 14).
Bemerkenswert erscheinen mir an diesem Werk der Mut und die Fähigkeit, mit klarem, differenziertem und konsequentem Denken viele vermeintliche Selbstverständlichkeiten der aktuellen Wissenschaft in Frage zu stellen und als Missverständnisse zu enthüllen. Dabei enthält sich der Autor aller popularisierenden Simplifizierungen. Man wünscht diesem Buch nicht nur begeisterte und selbständig denkende Leser, sondern vor allem auch mutige Mitstreiter in der Sache.
Dr. Hans Jürgen Scheurle