Kurzbeschreibung
Lavinia, eine attraktive junge Architektin, verliebt sich in Felipe und kommt in Kontakt mit der Widerstandsbewegung gegen das diktatorische Regime ihres Landes. Sie wird in eine Aktion verwickelt, die ihrem Leben eine dramatische Wende gibt...
"Ein Buch zum Verschlingen in einer Nacht." (Marianne Kröger)
Autorenportrait
Gioconda Belli, in Managua geboren, studierte in Spanien und den USA. Ab 1970 beteiligte sie sich am Widerstand der Sandinistischen Befreiungsfront FSLN gegen die Somoza-Diktatur ihres Landes. Sie lebt in Managua und Los Angeles/USA. Von ihren Werken liegen u.a. vor: "Bewohnte Frau", "In der Farbe des Morgens", "Tochter des Vulkans" und "Zauber gegen die Kälte".
Auszug
Bei Sonnenaufgang kam ich wieder ans Licht. Merkwürdig ist alles, was dort in der Tiefe seit jenem Tag geschehen ist, als ich Yarince zum letzten Mal sah. In der Totenfeier sagten die Alten, daß ich nach Tlalocan reisen werde, den Gärten ewigen Frühlings im Osten, dem Land des Grüns und der Blumen, die sanfter Regen streichelt. Doch dann lag ich jahrhundertelang allein in einer Höhle aus Erde und Wurzelwerk und sah staunend meinem Körper zu, der langsam zu pflanzlicher Natur wurde. Hunderte von Jahren, in denen ich die Erinnerung an Kürbisrasseln wachhielt, an Pferdegetrappel, Aufruhr, Lanzen, an die Angst, zu verlieren und an Yarince und seinen sehnigen Rücken. Seit Tagen schon hörte ich den Regen, wie er sich erst in
kleinen Rinnsalen, dann in großen unterirdischen Strömen meiner jahrhundertealten Wohnung näherte, sich Gänge öffnete,mich durch die feuchte, durchlässige Erde anzog. Ich spürte, daß ich der Welt immer näher kam, an den sich verändernden Farben der Erde erkannte ich es.
Ich sah die Wurzeln. Ausgestreckte Hände, die mich riefen. Und die Macht des Befehls zog mich unwiderstehlich an. So drang ich in den Baum ein, in seine Blutbahnen, ich durchlief ihn wie eine lange Liebkosung aus Saft und Leben, ein Öffnen von Blütenblättern, ein Zittern von Zweigen. Ich fühlte seine rauhe Rinde und die feine Architektur seiner Äste und dehnte mich in den Pflanzengängen dieser neuen Haut, streckte mich nach so langer Zeit, löste mein Haar und reckte mich dem blauen Himmel mit den weißen Wolken entgegen, um den Vögeln zuzuhören, die noch genauso singen wie damals.
Und ich sang mit meinem vielstimmigen Mund - ich hätte tanzen wollen - und fand meinen Stamm voller Knospen und in meinen Zweigen den Duft von Orangen. Vielleicht bin ich endlich in jenen tropischen Gefilden angekommen, im Garten von Überfluß und Ruhe, der stillen, unaufhörlichen Freude derjenigen, die im Zeichen von Quiote-Tläloc sterben, des Herrn der Wasser... Denn dies ist nicht die Zeit der Blüte, es ist die Zeit der Frucht. Doch hat der Baum meinen eigenen Kalender angenommen, mein eigenes Leben, den Rhythmus anderer