Kommt es nur mir so vor, oder erscheinen in letzter Zeit tatsächlich in immer kürzeren Zeitabständen neue Bücher der Bewerbungsexperten Hesse/Schrader und ihres Konkurrenten-Teams? Ich habe fast den Eindruck, als ob bei jedem Besuch in meiner Buchhandlung wieder ein neues Werk vorliegt. Und in der Tat betonen die Autoren auf der dem Buch beiliegenden CD, dass sie mittlerweile 180 Bücher geschrieben haben. Da stellt sich fast zwangsläufig die Frage, wie es neben der Quantität um die Qualität bestellt ist. Werfen wir dazu ein Blick in dieses Buch, in dem es explizit um Bewerbungen von Führungskräften geht, also von Menschen, an die man hohe Ansprüche stellen darf. Das fiel mir auf:
Der erste Bewerber verweist darauf, dass er in Lebensgemeinschaft mit einer Grundschullehrerin lebt. Was hat das mit seiner Bewerbung zu tun?
Der folgende promovierte Bewerber präsentiert sich mit einem Foto, das vermutlich einen Denker symbolisieren soll. Auf mich wirkt das Bild dagegen, als litte er an Tinnitus.
Der dritte Bewerber ist Systemadministrator, bewirbt sich aber auf eine Stelle im Marketing, für die er bis auf eine nicht näher spezifizierte, mehrere Jahre zurückliegende Weiterbildung keinerlei Vorkenntnisse mitbringt. Sein höchster Abschluss ist das Fachabitur. Die Angaben zu seinen persönlichen Stärken sind zudem selbstreferenziell und entziehen sich damit jeder Überprüfungsmöglichkeit. Bsp.: "Mein Arbeitsstil ist geprägt durch schnelles Auffassungsvermögen, einen geübten Blick für das Wesentliche, ...". Das gleiche gilt für die Fremdsprachenkenntnisse, die ohne Einstufung aufgelistet werden. Diese beiden Punkte betreffen übrigens nahezu alle im Buch abgedruckten Beispiele.
Beim nächsten Bewerber besteht die erste Seite gleich ausschließlich aus Phrasen: "habe mir wichtige Kenntnisse angeeignet", "hat meinen Horizont erweitert", "zu meinen Eigenschaften gehört die Fähigkeit, mir Ziele zu setzen und diese gemeinsam mit meinen Partnern zu erreichen". Ihre Fortführung findet diese Floskelsammlung in der von den beiden Experten empfohlenen 'Dritten Seite'.
Eine Bewerberin listet in ihrem Resümee auf, was sie ist, kann, hat und will. Die Liste ist wiederum selbstreferenziell und dazu völlig ich-orientiert: "Ich kann mir Ziele selbst definieren und erreichen ... Ich will eine Leitungsaufgabe, die meine Kenntnisse fordert, die Handlungsspielraum und Entwicklungschancen bietet." Was sie dem Arbeitgeber zu bieten hat erfährt man dagegen nicht.
Ein Diplomingenieur gibt seine Gehaltsvorstellung mit der Abkürzung TEUR an. Das weckte in mir die Assoziation 'teuer'. Zudem sind die selbsterstellten Bestandteile seiner Bewerbungsunterlagen zwölf Seiten lang. Kein Wunder, denn darin werden selbst eintägige Fortbildungen aufgelistet, die mehr als zehn Jahre zurück liegen. Das Motto des Bewerbers ist, "dass kaum etwas so gut sein kann, dass man es nicht jeden Tag ein bisschen besser, ... machen kann" - zum Beispiel durch Straffung der Bewerbungsunterlagen?
Ein Offizier bewirbt sich mit einem Bild, durch das man den Eindruck gewinnt, er lebe im 19. und nicht im 21. Jahrhundert. Passend dazu hat sein Resümee die Form eines Fallbeils.
Der halb ausformulierte Lebenslauf eines Wirtschaftsingenieurs besteht überwiegend aus oberflächlichen Hauptwörtern und ist dadurch nahezu unverständlich. Bsp.: "Projektübergreifende Aktivitäten bei der Schaffung von Standards für allgemeine Bedienoberflächen im Geschäftsbereich". Als Hervorhebungen verwendet er außerdem eine Kapitälchenschrift, wodurch das Lesen dieser Textteile zusätzlich erschwert wird.
In ihren Ratschlägen für gute Bewerbungen monieren die beiden Experten, dass nahezu jede zweite Bewerbung mit dem Satz: "Hiermit bewerbe ich mich ..." beginnt. Den zahlreichen Beispielen im Buch zufolge ist ihre Alternative dazu, eine Bewerbung möglichst mit: "Vielen Dank für das informative Telefonat" zu beginnen. Bei den hohen Auflagen der Hesse/Schrader-Bücher wage ich zu bezweifeln, dass Personaler diesen Einstieg immer noch originell finden.
Und die Liste ließe sich fortsetzen. Neben den im Buch vorgestellten Beispielen finden sich weitere auf der beiliegenden CD, die ich aufgrund der vorgenannten Erfahrungen nicht mehr beachtet habe. Bei allen Beispielen soll es sich aber um erfolgreiche Bewerbungen handeln. Das mag sogar stimmen. Allerdings würde das zugleich bedeuten, dass die Qualität der Bewerbungsunterlagen im Auswahlverfahren keine große Rolle spielt und Bücher wie dieses eigentlich überflüssig sind. Perfekte Bewerbungsunterlagen, wie der Titel suggeriert, sehen in meinen Augen jedenfalls anders aus. Daher kann ich auch die Lobeshymnen der beiden Experten auf die Bewerbungen nicht verstehen; sie müssten es eigentlich besser wissen. Aber vielleicht zeichnet sich hier etwas ab, was sich auch in der Vielzahl ihrer Publikationen widerspiegelt. Man gewinnt nämlich den Eindruck, als ginge es gar nicht mehr um Klasse, sondern nur noch um Masse. Das wiederum wäre ein typisches Anzeichen für das Ende einer Ära, und in der Tat nähern sich die beiden dem Rentenalter an. Sollte das primäre Ziel der Bücherflut etwa sein, das Altersruhegeld aufzustocken? Das allerdings wäre eines Expertenteams unwürdig.