Vor nicht allzu langer Zeit ist die 16. Auflage dieses Buches erschienen. Mit anderen Worten: Bei diesem Werk handelt es sich um einen Klassiker der Bewerbungsliteratur. Sucht man nach den Gründen für diesen Erfolg, ist wohl einer der, dass in dem Buch nahezu alle Themen behandelt werden, die für Stellensuchende wissenswert sind. Das reicht von einer Schilderung der allgemeinen Arbeitsmarktlage über die Auswahl sinnvoller Bewerbungsstrategien, die Erstellung von Bewerbungsunterlagen, die Vorbereitung von Vorstellungsgesprächen, die Inhalte von Arbeitszeugnissen bis zu den ersten 100 Tagen im neuen Job.
Hinzu kommt, dass der Autor in leicht verständlichen, kurzen Sätzen schreibt, die jeder sofort versteht. Allerdings vollzieht er dabei gelegentlich Gedankensprünge, denen man als Leser nicht ohne weiteres folgen kann. So erörtert er unmittelbar hintereinander die Chancen der Generation 50+ auf dem Arbeitsmarkt, den Einsatz der neuen Medien beim Bewerben und die Berufsmöglichkeiten im Ausland, die er obendrein aus unerklärlichen Gründen auf Norwegen beschränkt. Eine Logik in der Abfolge dieser Themen ist für mich nicht erkennbar. Zudem wird erst im Laufe des Buches und nicht schon aus dem Titel deutlich, dass es vor allem für Menschen geschrieben wurde, die bereits im Beruf stehen und sich verändern wollen bzw. müssen; dementsprechend sind zumindest die Beispiele ausgewählt. Für Berufseinsteiger ist das Buch also weniger geeignet.
Problematischer ist jedoch, dass es in dem Buch eine Reihe von Unstimmigkeiten gibt, an denen man merkt, dass es trotz der vielen Auflagen seine besten Zeiten bereits hinter sich hat. In der Sprache des Baugewerbes könnte man sagen, es wurde über die Jahre zwar immer wieder partiell renoviert, aber nicht grundsätzlich modernisiert. Das wird beispielsweise an den Empfehlungen des Autors deutlich, die oft mit der aktuellen Situation wenig gemein haben. Amüsant fand ich z.B. den Hinweis, dass einige von ihm gesichtete Anschreiben auf Schreibmaschinen erstellt wurden, deren Typen verdreckt waren. An dieser Stelle habe ich mich gefragt: Wissen die jüngeren Leser eigentlich noch, was eine Schreibmaschine ist? Doch auch beim Autor hat die moderne Technik schon Einzug gehalten. So empfiehlt er auf S. 198: "Gegen Rechschreibfehler [!] hilft eine Überprüfung mit dem Rechtschreibprogramm." Dann sollte das Programm ein falsches Wort allerdings auch erkennen, doch das ist offensichtlich nicht immer der Fall. Was folgt daraus? Das einzige, was wirklich hilft, ist gründliches und mehrfaches Lesen. Doch daran hat es beim Autor und/oder beim Lektorat leider gehapert, denn schon auf der folgenden Seite wird uns der nächste Fehler präsentiert: "Der Aufbau einer eigenen Homepage ist nicht schwer. Es geht schon mit dem Programm Fontpage [!]." Inwieweit man dem ersten Satz zustimmen mag, kann man sich z.B. fragen, nachdem man einen Blick auf die Webseiten des Autors geworfen hat. Ganz sicher wird man die eigene Homepage aber nicht mit dem Programm Fontpage erstellen. Das dient nämlich im Gegensatz zum Programm Frontpage ausschließlich zur Verwaltung von Schriftarten. Und dass eine eigene Bewerberhomepage zum Standard bei Bewerbungen wird, halte ich schlichtweg für einen Irrglauben, der noch aus den euphorischen Anfangszeiten des jedermann zugänglichen Internets stammt. Nicht zuletzt gibt es offenbar auch ein Problem mit dem Rechenprogramm des Autors (S. 86): "Bei 3 bis 5 Prozent aller Betriebe werden Sie [mit einer Initiativbewerbung] erfolgreich sein. Sie müssen also mindestens 300 bis 500 Briefe verschicken." Was mache ich denn mit 9-25 erfolgreichen Bewerbungen?
Weniger lustig fand ich, dass der Autor wie viele seiner Beraterkollegen so tut, als gäbe es für jede/n eine Arbeit, man müsse nur gründlich genug danach suchen (S. 11): "Eines steht fest: Sie bekommen immer Arbeit." Das erinnert mich an einen Spruch aus meiner Jugend: "Wer arbeiten will, der findet auch etwas." Das mag vielleicht 1970 noch gegolten haben, wie das dagegen heute, bei einem Verhältnis von etwa 3:1 zwischen Arbeitslosenzahl und offenen Stellen und massiven Divergenzen zwischen Anforderungs- und Qualifikationsprofilen funktionieren soll, ist mir schleierhaft, und auch der Autor verrät es uns leider nicht. Es handelt sich also lediglich um eine Behauptung, die Optimismus versprühen soll und deshalb gern von Bewerbungsberatern verbreitet wird; schließlich wollen sie ihre Kundschaft bei der Stange halten. Immerhin gibt er uns zumindest eine indirekte Antwort, wenn er darauf hinweist, dass auf offene Stellen schon einmal 100 und mehr Bewerbungen eingehen.
So komme ich zu dem Fazit: Auch wenn man als Bewerber dem Buch immer noch einige nützliche Hinweise entnehmen kann, würde ich im Bedarfsfall lieber ein neueres Werk zum Thema kaufen.