Stellen Sie sich vor, Sie dürften oder müssten fast 50 fünfzig Minuten hinter der Tür eines Personalverantwortlichen stehen und den Dialogen im Zimmer zuhören. Und? Gefällt Ihnen das? Haben Sie das Gefühl, Ihr Lauschangriff würde Ihr künftiges Verhalten verändern? Diplompsychologe Claus Peter Müller-Thurau vertritt jedenfalls diese Meinung. Daher bietet er eine CD an, auf der 24 Dialoge zwischen Stellensuchenden und Personalexperten zu hören sind. Das Buch, welches der CD mitgegeben wird, enthält dann die Dialoge auch noch in schriftlicher Form. Die Mustervorlagen für Bewerbungsschreiben und Lebenslauf finden sich allerdings nur auf der CD, was auch genügt. Zumal sie weder inhaltlich, noch formal nicht über den Durchschnitt hinausragen.
Für potenzielle Käufer dieses Bewerbungsratgebers stellt sich die Frage, was ihm die Anschaffung dieses Hörspiels bringt. Ich meine, nicht allzu viel. Denn Verhaltensmuster, die man ändern möchte oder müsste, lassen sich durch das Anhören von Musterdialogen kaum neu verknüpfen. Auch wenn die Sprecher und Sprecherinnen ihren Job gut machen. Sicher, einiges wird zwar den Weg ins Gedächtnis finden. Fragt sich nur, wie lange. Da die Dialoge aber suggerieren, es gäbe in der Kommunikation so etwas wie richtige und falsche Sätze, könnte das Hörererlebnis im schlechtesten Falle sogar das dumpfe Gefühl verstärken, man genüge den Anforderungen ohnehin nicht. Der Werbespruch "Hör dich clever" erinnert mich an meine Jugendzeit, als man Sprachkurse auf Kassetten mit dem Slogan "Lerne im Schlaf" anbot. Nicht zufällig sind diese Kurse wieder aus den Regalen verschwunden.
Und was bietet das Buch? Ausser den Dialogen noch eine ganze Menge Tipps. Allerdings nichts, was man in anderen Bewerbungsratgebern nicht auch nachlesen könnte. Und einige der Ratschläge sind so banal, dass man sich als Leser schon beinahe veräppelt fühlt. Oder was soll ich mit dem Ratschlag "Auf die Toilette geht man nur am Ende eines Ganges" anfangen? Diese Lebensweisheit findet sich unter der Überschrift "Manieren bei Tisch". Auch im Kapitel "Rhetorische Tipps" stiess ich auf Sätze, die in jedem Buch dieser Art zu finden sind und wenig bringen. Zum Beispiel: "Die älteste Regel der Rhetorik besagt, dass es im Grunde egal sei, was man im Vorstellungsgespräch sagt ' entscheidend ist, wie es ankommt". Daher muss man mit dem Kopf des Adressaten denken, einwandfrei kommunizieren, Gefühle berücksichtigen und sprachliche Marotten vermeiden.
Mein Fazit: Von einem Diplompsychologen erwarte ich in der heutigen Zeit, dass er vom Menschen ausgeht, wie er ist und Idealbilder tief im Keller archiviert oder lieber gleich ganz entsorgt. So wie Buch und CD konzipiert sind, wird wohl kaum ein Leser oder Hörer zum Top-Bewerber. Studien oder Erlebnisberichte, die das Gegenteil belegen, nehme ich gerne entgegen.