*Es war höchste Zeit, diesem Rotzbuben eine zu verpassen. So einer wie der hatte doch allenfalls mal in den Semesterferien einen flüchtigen Blick in die Werkstätten und Produktionsbetriebe geworfen. Was wusste dieses geschniegelte Bürschchen im Nadelstreifenanzug schon von der Arbeitswelt? Gerhard Ketschmar, der seinen kräftigen Oberkörper in ein dunkelblaues Jackett gezwängt hatte, kochte innerlich. Über 30 Jahre lang hatte er gearbeitet, ohne Fehlzeiten, ohne Krankheitstage, ohne jemals dem Staat zur Last gefallen zu sein. Und jetzt musste er sich von diesem Schnösel, der sein Sohn hätte sein können, kaltschnäuzig sagen lassen, dass man ihn leider nicht einstellen könnte. "Sie sind überqualifiziert", stellte der Kerl fest und lehnte sich genüsslich in seinem wuchtigen, ledernen Chefsessel zurück ...*
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Der Autor Manfred Bomm hat mithilfe seiner langjährigen Erfahrung als Polizei- und Gerichtsreporter einen fulminanten Kriminalroman geschrieben. "Das wahre Leben findet in den Gerichtssälen statt".
Und immer steht ein Schicksal dahinter - sei es das der Opfer oder das der Täter. Oft hat auch eine geradezu unglaubliche Verkettung unglücklicher Umstände zu der Tat oder dem Unglück geführt. Auch heutzutage gibt es, trotz der bemerkenswerten Möglichkeiten der Kriminaltechnik, aus kleinsten Spuren erstaunliche Rückschlüsse zu ziehen, immer noch genügend Fälle, bei denen letztlich Zweifel bleiben.
Und dieses ist die große Frage im vorliegenden Roman: Ist der unter Mordverdacht geratene Angeklagte schuldig - oder war er nur zur falschen Zeit am falschen Ort? Die Folgen für ihn sind verheerend: Als Bauingenieur durch die Pleite seiner Firma arbeitslos geworden, droht er schließlich durch alle soziale Netze zu fallen. Er gerät in den Sog von Hartz-IV, findet keinen neuen Job und muß sein ganzes Erspartes "abschmelzen". Er bekommt zu spüren, wie mit dem gesellschaftlichen Abstieg auch seine Chance geringer wird, den Kopf aus der juristischen Schlinge zu ziehen.
Bis es zum Mordprozess gegen den arbeitslosen Bauingenieur kommt, begleitet der Leser die spannenden Recherchen von Kommissar August Häberle (sein sechster Fall), dem letztlich auch Zweifel an der Eindeutigkeit der Ermittlungsergebnisse kommen.
So wie der Autor seine Schauplätze detailgenau schildert (man kann jeden davon selbst aufsuchen), so penibel ist er auch bei der Darstellung der Gerichtsverhandlung.
Handlung und Charaktere wirken ungemein realitätsnah. So ist sogar der 'Krieg' zweier verfeindeter Landwirte, wie er in "Beweislast" dargestellt wird, keine reine Erfindung, sondern Teil eines kuriosen Streits, mit dem sich die Juristen am Rande der Schwäbischen Alb seit Jahren auseinandersetzen müssen.
Neuerlich also ein beeindruckender und höchst empfehlenswerter Kriminalroman um Kommissar August Häberle - und sicherlich nicht der letzte.
Es grüsst -- Reinhard Busse