Das vorliegende Buch ist zweifelsohne der Klassiker der Bewegungswissenschaft und Sportmotorik. Es handelt sich um ein Lehrbuch mit mehr als 40-jähriger Tradition, in deren Verlauf in etwa alle 5 Jahre Neuauflagen entstanden sind. Die dabei dokumentierten inhaltlichen Veränderungen können immer auch als Spiegel der Entwicklungen des Faches gesehen werden, das heute völlig anders aussieht als vor nunmehr 44 Jahren, als die erste Auflage der Bewegungslehre von Kurt Meinel mit dem viel versprechenden Untertitel: Versuch einer Theorie der sportlichen Bewegung unter pädagogischem Aspekt" erschienen ist.
Im Laufe der Jahre ist aus diesem Ansatz ein Lehrbuch hervorgegangen, das in viele Sprachen übersetzt wurde und ohne Zweifel in jeder gut sortierten Bibliothek zu finden ist. Die erste Auflage war bereits nach knapp einem Jahr vergriffen. Ihr folgten bis heute sieben weitere Auflagen, in denen neben der Herausgeberschaft auch inhaltliche Orientierungen verändert wurden. Rechtzeitig zum 100. Geburtstag Meinels ist 1998 die vorerst jüngste Auflage im Südwest Verlag erschienen, in der Schnabel, wie in allen Ausgaben seit 1975, als Mitherausgeber und Leiter eines Autorenkollektivs fungiert. Im Spektrum der sportwissenschaftlichen Literatur lassen sich nur wenige Bücher finden, die über eine vergleichbare Verbreitung und weltweite Leserschaft verfügen. Da das Buch zweifelsohne bereits dutzendfach rezensiert wurde, was bereits Anlass und Gegenstand für eine spezifische Forschung darstellen könnte, soll das Augenmerk auf die Entwicklung zweier ursprünglicher Ideen Meinels gerichtet werden, um eine orientierende Klammer für die gesamte Sammelbesprechung zu finden: auf den Theorieanspruch und den pädagogischen Aspekt.
Die offensive Formulierung des Theorieanspruches im Klappentext der ersten Auflage von 1960 wird heutzutage nicht mehr aufrechterhalten: Erstmalig wird eine geschlossene Theorie der sportlichen Bewegung unter pädagogischem Aspekt vorgelegt." Stattdessen erfolgte vor allem nach der fünften, 1972 letztmalig allein von Meinel herausgegebenen Ausgabe, eine Akzentverschiebung zu einer weitgehend technologisch ausgerichteten Motorikforschung. Der Richtungswechsel passte zum allgemeinen bewegungswissenschaftlichen Trend und schlug sich konsequenter Weise auch in einem neuen Untertitel nieder: Abriss einer Theorie der sportlichen Motorik unter pädagogischem Aspekt".
Auf inhaltlicher Seite haben die Autoren fortan Schwerpunkte im Bereich der quantitativ orientierten empirischen Motorikforschung gesetzt, wobei vor allem Forschungsergebnisse aus angrenzenden Wissenschaftsdisziplinen (vor allem Psychologie; Biomechanik und Physiologie) integriert wurden. Demgegenüber gerieten qualitative Forschungslinien und Bezugspunkte, wie z.B. die von Meinel geschätzten anwendungsbezogenen Arbeiten, zusehens ins Hintertreffen. Diese Tendenz steht stellvertretend für eine Entwicklung, die das gesamte Fach kennzeichnet. Während die Theorieansprüche immer spezifischer ausdifferenziert werden und dabei pädagogische Auslegungen vergleichsweise selten sind, tauchen Bücher, deren Autoren sich dem Theorie-Praxis-Problem stellen, nur sporadisch auf.