Hartmut von Hentig ist einer der bekanntesten Pädagogen der Nachkriegszeit. Seine Bielefelder Laborschule ist bis heute ein Ort, wo richtungsweisende Reformen eingeleitet, erprobt und für andere Schulformen fruchtbar gemacht wurden und werden. Ähnlich wie seinlangjähriger Schüler Eberhard Bueb mit seinem Werk Lob der Disziplin" legt nun auch von Hentig sein bildungspolitisches Vermächtnis vor.
Mit seinem Buch Bewährung. Von der nützlichen Erfahrung, nützlich zu sein" legt er zwei revolutionäre Vorschläge vor und begründet sie. Zum einen will er in der Stufe der 13-15 -jährigen, also mitten in der schwierigen Phase der Pubertät, die Schüler an anderen Orten als der Schule Lerngelegenheiten finden lassen, die ihnen einen Sinn und ein Verständnis dafür gegen sollen, was Gemeinschaft ist, und warum es sich lohnt sich für sie zu engagieren und einzusetzen. Zum anderen plädiert er für ein für alle Menschen der Landes verbindliches soziales Jahr zwischen Schulabschluß und Beginn der beruflichen Tätigkeit. Beide Vorschläge begründet er ausführlich und grenzt sich auch ab von Begründungen, die von außen kommen und sich nicht an der Entwicklung der Persönlichkeit der jungen Menschen in unserem Land orientieren. Beispiel: eine externe Begründung für ein soziale Jahr wäre der Hinweis auf den zunehmenden Pflegebedarf für die ältere Generation. Solche Legitimationen lehnt von Hentig ab. Es geht ihm einzig und allein um die Wiederherstellung von so etwas wie Gemeinschaft, ein common sense, ohne den wohl seiner Meinung nach unsere Gesellschaft nicht wirklich auskommt, will sie nicht den von ihm, an die Bibel angelehnt, sogenannten Plagen" anheimfallen und von ihnen langsam aber sicher von innen heraus zerstört werden.
'Plagen' sind peinigende, verstörende, entmutigende Ereignisse; sie kommen meist in großer Zahl oder gestaffelt daher; sie hängen auf tückische Weise miteinander und mit früheren Segnungen zusammen; sie sind schwer einzeln zu bekämpfen und gar nicht alle zugleich."
Und von Hentig zählt sie auf:
-mangelnde Schulleistungen - durch internationale Vergleichsuntersuchungen plötzlich messbar und sichtbar gemacht;
-ungleiche Erfolgschancen von Jugendlichen in einem Bildungs- und Ausbildungssystem, das über vierzig Jahre lang ,reformiert' worden ist, ausdrücklich um dieser Ungerechtigkeit zu begegnen;
- die nachgewiesene Existenz einer erheblichen ,Risikogruppe' unter den Fünfzehnjährigen - Schüler, die nicht lesen können und die sich obendrein durch Schulunlust und Abwesenheit (Schwänzen), durch eine eigene Subkultur und schrille Selbstinszenierung gegen die ihnen zug4edahcten pädagogischen Wohltaten resistent machen;
- ein hohes (zunehmend bekanntes) Maß an Gewaltdelikten an Schule (und außerhalb) bis hinab ins Kindesalter; ein raffiniertes Mobbing unter Kindern und jungen Menschen, ein gnadenloses Ranking nach Statussymbolen;
- eine abnehmende Wachsamkeit der Jugendlichen gegenüber der Ansteckung durch AIDS, den Folgen des Rauchens, des Alkohol- und Drogenkonsums;
- das von jugendlichen Gangs selbst als ,happy slapping' bezeichnete brutale Verprügeln von Passanten als Zeitvertreib;
- die Verführung einer erheblichen Minderheit junger Menschen durch martiale Lebensformen - meist im Dienst von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit , Verachtung für Minderheiten, neofaschistische Ideen;
- die Bildung von ,Parallelkulturen' unter Immigranten, Widerstand gegen Ingeration, gegen ,Entmündigung' durch die Sprache des Gastlandes;
- eine frühe Vereinnahmung durch das Fernsehen, seine Dramatik, seine Permanenz, seine Unverbindlichkeit - mit der Folge, daß den jungen Menschen die großen gemeinsamen Geschichten unserer Kultur vorenthalten werden;
- ein ezessiver Hang zu Computerspielen, elektronischer Berauschung, ununterbrochene Beschallung: chatten, surfen, Handy-Dauerkommunikation und walkman, verbunden mit der zeitlichen Verdrängung von Realität;
- ein Mangel an physischer Arbeit und Bewegung, der zusammen mit falscher Ernährung zu Fettleibigkeit, Verkümmerung der Organe und Unglück im Kindes - und Jugendalter führt;
- die Ausbildungsunfähigkeit vieler Schulabsolventen;
- die Überforderung der Lehrer: durch größere Klassen, längere Arbeitszeit, vermehrte Konferenzen, Schulentwicklung, Qualitätsmanagement, Fortbildung und Selbstevaluation mit der Folge, dass weniger zeit und weniger Aufmerksamkeit für das einzelne Kind bleiben; die Lehrer ( und auch die Erzieher in den Kitas;d.R.) bilden die Berufsgruppe mit den deutlichsten Erschöpfungsmerkmalen (burn-out)
Neben diesen Plagen nennt von Hentig noch viele andere Widersprüche und Probleme unsere Bildungslandschaft, die im Endeffekt alle gutgemeinten Vorschläge und vor allem die individuellen Anstrengungen vieler engagierter Pädagogen und Erzieher ins Leere laufen lassen.
Es muß dringend etwas geschehen in unserem Land; Deutschland belegt in der EU den drittletzten Platz bei den Bildungsausgaben, gleichzeitig wird über PISA und die Folgen lamentiert. Die von Hentig angerissenen Probleme bilden einen Sprengsatz ungeheuerlichen Ausmasses, der durch kleine angebliche Reformen wie z. B. das beitragsfreie dritte Kindergartenjahr oder wie in Hessen die Unterrichtsgarantie plus" nur noch verschlimmbessert werden.
Von Hentigs Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer, aus diesem selbstgebauten Gefängnis auszubrechen. Ob seine Vorschläge verwirklicht werden ,ist sehr zu bezweifeln, zu stark sind in unserem Bildungssystem die Kräfte, die am Status Quo festhalten wollen. Doch es braucht solche radikale und lauten Stimmen in der Landschaft und in den Einrichtungen vor Ort, soll sich überhaupt irgendetwas bewegen.
Es braucht die unverbesserlichen Optimisten, die um unserer Kinder willen nicht aufgeben und den Glauben an eine bessere, weil gebildetere Gesellschaft nicht aufzugeben bereit sind.