Jack Ketchum ist ja bekannt dafür, die wohl zwei letzten Tabu-Themen der Menschheit aufzugreifen und die Leser damit zu konfrontieren - die Thematik "Inzest" und "Kannibalismus". Wo er vorher die beiden Themen in unterschiedlichen Romanen, getrennt voneinander aufgenommen- und den Lesern nahe gebracht hat, vereint er diese in "Beuterausch". Für die Leser wird es somit gleich doppelt schwer, das Gelesene zu verarbeiten, den Schrecken zu verdauen und dafür zu sorgen, dass sich die vorgestellten Bilder nicht dauerhaft in die Netzhaut einbrennen und für ein stetiges Kopfkino sorgen.
Mit knappen, präzisen und kurzen Sätzen verzichtet er auf das Aufschmücken der Figuren und der Szenerie, und beschränkt sich damit auf das Wesentliche - seinen Lesern die unverblümte Grausamkeit einzutrichtern. Er schafft es auf eine beängstigend einfache Weise, die Mägen der Leser auf links zu stülpen, und beschert ihnen somit ein dauerhaftes Schlucken des Kloßes, der sich im Hals bildet. Jack Ketchum seine Art zu schreiben ist wohl einzigartig, und er versteht es wie kein anderer - besitzt diese einmalige Gabe - seine Leser so tief in die Story eintauchen zu lassen, um sie die Schmerzen hautnah und intensiv fühlen zu lassen, genau so wie die Opfer sie fühlen. Die vielen versteckten Informationen zwischen den Zeilen tragen noch ihren Teil dazu bei und somit schafft Ketchum das, was kein anderes Medium sonst schaffen würde.
Ketchum führt den Lesern in "Beuterausch" deutlich vor Augen, wie viel Macht Erwachsene, speziell Männer, auf Kinder ausüben -, wie viel Angst sie in ihnen hervorrufen können, und sie ihnen dadurch dauerhaften Schaden zufügen, für den Rest ihres Lebens. Wo ein Kind erniedrigt wird, kann sich im Gegenzug dafür ein anderes, junges Familienmitglied die Gewalt des Vaters zu eigen machen, und somit auch den Hang zum "normalen" verlieren, in deren Fußtapfen treten - in diesen Fällen aber gibt es nur Verlierer. Selbst der weibliche, erwachsene Gegenpart kann dabei nur zusehen, aus Scham oder aus Angst, selbst in den Wirkungskreis des Mannes zu geraten, selbst zur Zielscheibe zu werden. Deshalb stellt sich hier ganz klar eine Frage, wer in "Beuterausch" ist wirklich der Jäger und wer der oder die Gejagte. Wer ist der wirklich kranke Mensch? Der labile Anwalt, der immer mehr den Verstand verliert, immer grausamer wird, oder die festgehaltene Frau, die fernab aller Werte und Normen lebte und jetzt auch so handelt?
Wo es noch im ersten Teil hauptsächlich um den Größenwahn und Inzest geht, rückt nachdem - das normale Leben der Familie nun völlig aus dem Ruder geraten ist, der "Kannibalismus" in den Vordergrund. Wer "Beutezeit" und "Beutegier" gelesen hat, der kann sich so ungefähr ein Bild von dem machen, was ihn nun erwartet. Allen anderen sei gesagt, schnallt Euch an, das wird eine rasende Fahrt durch ein Schlachthaus.
Ein fader Beigeschmack bleibt, denn der Größenwahn und der Inzest - die in diesem Roman einen Schwerpunkt bilden - herrschen mit Sicherheit in "einigen" Familien auch bei uns in Deutschland vor, nur dass es unter dem Deckmantel des Schweigens innerhalb der Familie, aus Scham oder Angst, wohl oftmals unter den Teppich gekehrt wird, und so nie im vollen Ausmaß ans Tageslicht gelangt. Von daher ist die Story gar nicht so weit hergeholt und man kann sich schon vorstellen, dass nicht hinter allen Vorhängen in den Fenstern heile Welt herrscht.
PS: Wer die Augen vor diesen Themen nicht verschließt, nicht nur überall rosa Blümchen sieht, der darf sich "Beuterausch" keinesfalls entgehen lassen...Ein Schlag ins Gesicht oder ein Tritt in die Magengrube aber, wären wohl leichter zu verkraften.