***Achtung, obwohl der Film "Betty Ann Waters" eine wahre Geschichte erzählt und ich davon ausgehe, daß dieses und demzufolge auch das Ende der Geschichte einem Großteil derjenigen, die sich für den Film interessieren, bekannt sein dürfte, möchte ich dennoch darauf hinweisen, daß diese Rezension für diejenigen, die keine Vorinformationen haben, Spoiler beinhaltet***
Der Film erzählt die wahre Geschichte von Betty Anne und Kenny Waters, zwei seit ihrer schwierigen Kindheit unzertrennlichen Geschwister.
Auch im Erwachsenenalter ist Betty Anne die einzige, die dem charmanten, aber auch zu Gewalttätigkeit neigenden Kenny bedingungslos vertraut und ihm immer wieder aus Schwierigkeiten heraushilft.
Als eines Tages eine Frau, bei der Betty Anne und Kenny als Kinder einmal eingebrochen waren, um Süßigkeiten zu stehlen und "zu Hause" zu spielen, ein Gefühl, daß ihnen ihre leichtfertige und verantwortungslose Mutter nie zu geben vermochte, fällt der Verdacht sofort auf Kenny.
Zwar wird er mangels Beweisen freigelassen, macht aber den Fehler, die verbissene und karrierebesessene ermittelnde Polizistin zu provozieren, die fortan nicht locker lässt und es nach zwei Jahren tatsächlich schafft, daß Kenny trotz sehr dünner und fragwürdiger Indizienlage verhaftet und wegen Mordes angeklagt wird.
Ein mittelmäßiger Pflichtverteidiger und die Vorurteile, die dem jungen Mann aus einfachen Verhältnissen und mit kleinkrimineller Vergangenheit entgegenschlagen, führen zu einer lebenslangen Verurteilung wegen Mordes.
Nachdem auch die Berufung scheitert und der verzweifelte Kenny einen Selbstmordversuch begeht, fasst Betty einen nahezu undurchführbar erscheinenden Entschluss:
Die Aushilfskellnerin und Schulabbrecherin, eigentlich voll ausgelastet durch Job, Ehemann und zwei kleine Kinder, will ihren Schulabschluss nachholen, das College absolvieren, Jura studieren und Anwältin werden, um dann selber den Fall neu aufzurollen.
Im Gegenzug nimmt sie Kenny das Versprechen ab, sich nie wieder etwas anzutun.
Mit unbeirrbarer Entschlossenheit führt Betty ihren Plan durch.
Ihre Ehe zerbricht daran und ihre zwei Söhne beschließen, bei ihrem Vater leben zu wollen, da Betty neben ihrer Mission, dem geliebten Bruder zu helfen, über Jahre nie Zeit für die Kinder hat.
Tatsächlich gelingt das nahezu unglaubliche und Betty wird nach Jahren Anwältin.
Aber nun scheinen die wahren Probleme erst zu beginnen, das Beweismaterial aus dem inzwischen über zehn Jahre zurückliegenden Fall ist vernichtet, die ehemaligen Zeugen zeigen sich unkooperativ, eine frisch ernannte Senatorin hat andere Präferenzen, als einen alten Fall, der möglicherweise einen Justizirrtum ans Licht bringen könnte, neu aufzurollen und Kenny verliert nach und nach jede Zuversicht.
Erst die neu aufgekommene Möglichkeit von DNA-Analysen und ein engagierter New Yorker Anwalt, der ein Projekt leietet, welches zu Unrecht Verurteilten hilft, bringen die Wende.
Nach 18 langen Jahren kommt Kenny schließlich frei.
Es ist nicht verwunderlich, daß diese wahre Geschichte, die den amerikanischen Traum der unbegrenzten Möglichkeiten und der Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Legende spiegelt, geradezu nach einer Hollywood-Umsetzung schrie.
Ganz unabhängig vom Respekt vor der wahren Geschichte und den dahinterstehenden Personen ist "Betty Anne Waters" auch tatsächlich ein guter, ein sehr guter Film sogar, der von der ersten bis zur letzten Minute zu fesseln versteht.
Die Rolle der Betty scheint Hilary Swank geradezu auf den Leib geschrieben zu sein, Sam Rockwell liefert die meiner Meinung nach beste Darstellung seiner bisherigen Karriere ab und auch die Nebenrollen sind mit Minnie Driver als Bettys Freundin, Juliette Lewis als Kennys heruntergekommene Exgeliebte und Melissa Leo als verbissene Kleinstadtpolizistin hervorragend besetzt.
Dennoch hat der Film auch einige kleine Schwachpunkte:
Hilary Swank spielt ihre Rolle der unbeirrbaren Rächerin aus der Unterschicht so schmerzhaft perfekt und die Geschichte wird so glatt erzählt, daß sie in gewisser Weise oftmals erstaunlich unberührt lässt.
Immerhin geht im Laufe der Jahre Bettys Ehe kaputt und ihre Söhne verlassen sie.
So etwas muss doch trotz aller Entschlossenheit, dem geliebten Bruder zu helfen, weh tun und auf dem Weg einer Hilfskellnerin und Schulabbrecherin durch Abendschule, College und Jurastudium muss es doch auch deutliche Rückschläge, Zweifel und auch Momente von Mutlosigkeit geben.
Davon zeigen uns das hollywoodtypisch glattgebügelte Drehbuch und die Darstellung von Hilary Swank jedoch leider fast gar nichts.
Einmal, ein einziges Mal nur, zeigt uns Hilary Swank ein anderes Gefühl neben ihrer beirrungslosen Entschlossenheit, nämlich nachdem ihre Söhne sie verlassen.
Diese wenigen Sekunden sind es auch, die sehr spät im Film erst dazu führen, sich mit Betty besser identifizieren zu können.
Schade auch, daß das wahre Ende der Geschichte, der tragische Schlusspunkt unter das Leben von Kenny Waters, nicht mehr ins Hollywoodklischee passte und daher nicht nur nicht gezeigt, sondern nicht mal im Abspann erwähnt wird:
Kenny Waters starb nur 4 Monate nach seiner Entlassung aus 18jähriger Inhaftierung an den Folgen eines Unfalles.
Trotzdem jedoch eine klare Empfehlung für diesen fesselnden Film mit einem großartigen Sam Rockwell und einer überzeugenden Hilary Swank, wenngleich sie hier jedoch genau das gleiche entschlossene Mienenspiel wie bereits in "Million Dollar Baby" zeigt und leider keine neuen Facetten ihres Schauspiels offenbaren kann.