Als Inbegriff der gleichermaßen erotisch-faszinierenden wie dämonisch-destruktiven Frau, die stets als Siegerin aus dem Kampf der Geschlechter hervorgeht, hat die femme fatale einen modernen Weiblichkeitsmythos begründet, der im 20. Jahrhundert durch Figuren wie Lulu, Lolita oder den in unterschiedlicher Gestalt auftretenden Vamps seine sinnfälligste Ausprägung erfahren hat. Als Frau ist die femme fatale stets Außenseiterin, deren fundamentales Anderssein zugleich Bedingung ihrer Existenz und ihrer unheilvollen Anziehungskraft ist. Dank ihrer Reize und ihrer geheimnisvollen Aura gewinnt die verführerische Unbekannte schnell die Oberhand über den Mann und zerstört dabei nicht selten seine gesellschaftliche, wirtschaftliche oder physische Existenz.
FEMMES FATALES hat die französische Fotografin Bettina Rheims ihr Portfolio für die vom STERN herausgegebene Bibliothek der Fotografie genannt, in dem sie Porträts von 22 mehr oder minder prominenten Frauen aus den Jahren 1994 - 1999 zeigt. Wer jedoch erwartet, darunter vornehmlich solche Frauen finden zu können, die durch entsprechende Filmrollen im Bewußtsein des Betrachters bereits zu femmes fatales geworden sind, wird enttäuscht. Weder eine Juliette Binoche, die in DAMAGE (1992) Vater wie Sohn betörte und ins Verderben stürzte, noch eine Linda Fiorentino, die in THE LAST SEDUCTION (1993) ihren jugendlichen Liebhaber zum Spielball ihrer bösartigen Obsessionen werden ließ, oder eine Demi Moore, die in DISCLOSURE (1993) die berufliche Karriere ihres ehemaligen Lebensgefährten zu ruinieren suchte, gehören zu den Porträtierten. Von den Frauen, die Bettina Rheims als Modelle für ihr Portfolio ausgewählt hat, vermögen allenfalls Sharon Stone und Madonna den Anschein zu erwecken, als ginge von ihnen jene unwiderstehliche und verderbliche Attraktivität der femme fatale aus, und das auch nur, weil sie durch Filme wie BASIC INSTINCT (1992) oder BODY OF EVIDENCE (1993) schon entsprechend sozialisiert sind. Models wie Claudia Schiffer, Cindy Crawford, Naomi Campbell oder Karen Mulder dagegen verkörpern eher den Mythos unberührbarer und entrückter Schönheit. In ihnen femmes fatales sehen zu wollen, fällt trotz zum Teil gelungener Maskeraden - Claudia Schiffer etwa trägt eine schwarze Perücke - schwer. Attraktiv und erotisch sind sie wie alle hier abgebildeten Frauen, doch bedeuten Freizügigkeit und Schlampenlook zugleich auch Dämonie? Und gehört Ex-Pornostar Tracy Lords nicht eher zu den Frauen, die man bedauert, als zu denen, denen man(n) wehrlos verfällt? Bettina Rheims wird ihrem Anspruch, den Weiblichkeitsmythos der femme fatale fortzuschreiben, letztlich nicht gerecht. Ihre Bilder wirken weitgehend wie Selbstzitate. Pose, Requisite und Kameraeinstellung erinnern nur allzu oft an die Arrangements von CHAMBER CLOSE (1995), nur daß an die Stelle namenloser Mädchen nun Models und Schauspielerinnen getreten sind. Deren Bekanntheitsgrad aber steht nicht nur im Widerspruch zu dem geheimnisvollen Außenseitertum der femme fatale, sondern läßt auch jene provozierende Freizügigkeit, die den Reiz von CHAMBER CLOSE ausmachte, nicht zu.