Aus der Amazon.de-Redaktion
Mit erschreckender deutscher Gründlichkeit wurde nicht nur die millionenfache Vertreibung und spätere Ermordung europäischer Juden vorbereitet und durchgeführt -- nein, man nahm diesen Menschen während der Naziherrschaft Stück für Stück auch noch ihr Eigentum. Die Nazis bereicherten sich mittels verschiedener Mechanismen an deren Besitz und Vermögen, seien es Juwelen, Möbel oder Sparbücher.
Dem Autor dieses Buches, das anläßlich einer Ausstellung in Düsseldorf erschien, gelang ein Blick in eigentlich immer noch gesperrte Akten der Oberfinanzdirektion Köln, wo er einen bisher eher wenig beachteten Aspekt der Judenverfolgung belegen konnte: Unter dem Mantel der vermeintlichen Rechtmäßigkeit erfaßten die zuständigen Verwaltungsbehörden jüdische Besitztümer, beschlagnahmten und verteilten sie neu -- mit einer bürokratischen Seelenlosigkeit gegenüber Verfolgten, die in ihrer Nüchternheit einfach niederschmetternd ist. Man forderte die Juden sogar auf, mitzuarbeiten, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten!
Hier wird auch mit der Annahme aufgeräumt, daß keiner der Normalbürger im Dritten Reich etwas gewußt habe, denn viele der Gegenstände jüdischen Ursprungs wurden mit klaren Herkunftsvermerken an die Bevölkerung weiterverkauft, die diese günstigen Angebote gerne wahrnahm -- da halfen auch Decknamen wie "Aktion 3" nichts.
Das Buch macht aber nicht beim Kriegsende halt, vielmehr zeigt es auch den nicht sehr rühmlichen Umgang nachkriegsdeutscher Beamten mit dem schweren Erbe. Allzu oft wurde keine wirkliche Wiedergutmachung geleistet. Daß eine Verwaltung hier die Untaten einer früheren Verwaltung bereinigen soll, ist wohl von vielen Beamten schlicht zuviel verlangt und erklärt vielleicht auch, weshalb Unterlagen zu diesen Tatbeständen immer noch unter Verschluß liegen. In Wahrheit jedoch hatten auch die vermeintlich nicht mit der "Judenfrage" befaßten niedrigen Verwaltungsebenen genauso ihre Finger im Spiel wie nahezu alle anderen staatlichen Institutionen Hitler-Deutschlands.
Durch die Wiedergabe der Akten und die Erklärung der damit verbundenen Vorgänge verdeutlicht dieses Buch ein trauriges Kapitel Deutschlands sehr eindrücklich. Spätestens die Betrachtung des äußerst ausführlichen Dokumententeils läßt einen erschauern beim Blick auf penible Bestandslisten oder Verkaufsvermerke. Hier zeigt sich Bürokratie fürwahr von ihrer schrecklichsten Seite. --Joachim Hohwieler
Kurzbeschreibung
Vor der Deportation teilte der zuständige Regierungspräsident jedem Juden, Erwachsenen wie Kindern, mit, daß ihr Besitz legal dem Staat 'verfällt'. Die von den Nazis mit der Verwaltung des jüdischen Vermögens betrauten Ämter haben 'präzise' gearbeitet, wie Tausende Akten der Oberfinanzdirektion Köln belegen, von denen der Historiker Wolfgang Dreßen exemplarische Dokumente für dieses Buch ausgewählt hat. Aus den Quittungen der Finanzbeamten ging eindeutig hervor, daß es sich um 'Eigentum des Juden/der Jüdin/verschiedener Juden' handelte, doch offenbar hatte niemand Skrupel bei den 'legalen Geschäften'. Als wenige Überlebende nach dem 8. Mai 1945 Wiedergutmachung forderten, wiesen oft dieselben Beamten ihre Ansprüche zurück. Diese Publikation erzwingt neues Nachdenken über die Rechtmäßigkeit einer Legalität und eines Profitstrebens, die in Kauf nehmen, daß Menschen restlos verwertet werden.