Der wenigstens in Österreich längst weltbekannte Thomas Müller gilt als Shootingstar unter den europäischen Profilern. Zu solchen "Ruhm" gelangt man aber nur dann wenn man es versteht seine Theorien in einfache Worte zu kleiden, die auch medientauglich publiziert werden können. Das hat Müller auch in seinen beiden Büchern "Gierige Bestie" und "Bestie Mensch" getan. Die Kritik an beiden Büchern hatte dann auch viel mit Müllers viel zu einfach formulierten Thesen zu tun, während man ihm zugleich zwanghafte Selbstdarstellung und eine gewisse Selbstverliebtheit unterstellte. Nur zu verständlich, denn Müller hat in beide Bücher autobiografisches einfließen lassen und seinen Weg zur Kriminalpsychologie nachgezeichnet. Das hätte man vorher wissen müssen, um nicht enttäuscht zu werden.
Mittlerweile haben es beide Werke Müllers trotz extrem unterschiedlicher Kritiken dank ihres Bestsellerstatus vom Hardcover zum Taschenbuch geschafft, nun jedoch gibt es beide zu einem deutlich günstigeren Preis als man für auch nur eines der beiden Taschenbücher löhnen müsste im Sammelband.
Unter dem Titel Bestie Mensch hat Thomas Müller mit seinem ersten Buch einen autobiografischen Bericht über seinen Weg vom einfachen Streifenpolizisten zum renommierten Profiler und Gerichtsgutachter vorgelegt. Aufmerksame Leser der diversen Bücher zur österreichischen Kriminalgeschichte der letzten Jahrzehnte werden so manchen Fall von dem Müller spricht noch gut in Erinnerung haben. Müller reiht diese Anekdoten an seine eigenen zutiefst menschlichen Erkenntnisse über die Abgründe unserer Psyche und lässt auch immer wieder Erzählungen von Kollegen einfließen. Wer sich also ein psychologisches Fachbuch oder dergleichen erwartet wird enttäuscht, Müller wie viele seiner mit entsprechender Ratgeber-Literatur auftretenden Kollegen berichtet einem im Grunde nichts worauf man selbst kommen könnte. Aber er stellt manche Dinge einfach klar.
Laut Müller ist es die Tat in der Täter ihre Motive offen legen, denn sie ist das Verhalten das man studieren kann. Wie Täter ihre Opfer, Tatorte, Waffen und den schlichten Tatvorgang wählen sagt bereits sehr viel über sie aus. In der Tat liegt die Wahrheit, denn in Gesprächen kann man lügen, seine Absichten verschleiern und manipulieren, wie uns auch von Unternehmensberatern und Rhetoriktrainern immer wieder eingetrichtert wird. Gerade Serientäter beweisen aber oft dass sie nicht nur hochintelligent, sondern auch wahre Meister der Manipulation und Verschleierung sind, was einem nach Müller eben nur die Tat als Maßstab für die Wahrheit lässt. Ein Fixpunkt in Müllers grundlegenden Thesen ist freilich dass man sich bei manchen Menschen einfach in anderen Erfahrenswelten leben als wir und ihre Entscheidungen aus Gründen treffen wie uns unverständlich erscheinen. So banal das auch klingt, für gewöhnlich wird diese simple Wahrheit mit allen Mitteln verdrängt.
Was "Bestie Mensch" bietet sind grundlegende Erklärungsansätze, keine Thesen und Analysen.
Lieber lässt Müller den Leser an seinen Erfahrungen teilhaben als an seiner Forschung, die wie er selbst andeutet vom Sammeln von Vergleichsfällen geprägt ist, denn um eine Wissenschaft betreiben zu können muss man seine Theorien auch beweisen können und Morde sind sehr unterschiedlich - bedenkt man diesen Punkt seiner Forschungsarbeit so wird man schnell erkennen, dass ein Buch darüber wohl kaum kürzer als 1000 Seiten sein kann, denn Beweise müssen angeführt, Experten zitiert und anschließend samt Quellen angeführt werden. Wirkt das von Müller vermittelte Wissen teilweise auch zu banal, so lohnt es sich durchaus darüber nachzudenken und entsprechende Passagen in Zusammenhang mit eigenen Gedankengängen und Erkenntnissen zu betrachten. Müllers Profession, die Verhaltensforschung ist bei weitem nicht so einfach wie man womöglich annimmt.
Müllers "Gierige Bestie" ist schließlich aus den Vortragstätigkeit zum Thema Workplace Violence hervorgegangen. Anders als in "Bestie Mensch" hat Müller hierbei jedoch einen konkreten Fall aus seiner Profilertätigkeit gewählt, um seine Erkenntnisse vermitteln zu können. Wieder einmal hat Müller sehr publikumswirksam auf fachlich-theoretische Erläuterungen verzichtet und sich durch seine Erzählung in der ersten Person scharfe Kritiken eingehandelt, doch prinzipiell vermittelt Müller einem hier die gleichen Informationen wie in seinen Vorträgen. Gerade weil Workplace Violence ein Thema ist das von alltäglicher Bedeutung für uns alle ist, kann sich ein Blick lohnen.
Müllers Erzählung beginnt mit einer Reise nach Genf, wo er als Berater für einen international brisanten Fall herangezogen wurde. Erst bei seiner Ankunft erfährt er dabei, worum es bei diesem Fall überhaupt geht, denn ein langjähriger und hochtalentierter Mitarbeiter eines nicht genannten Schweizer Unternehmens hat hochsensible Daten aus dessen Datenbanken gestohlen, welche er nun droht zu veröffentlichen, um das Unternehmen welches ihm übel mitgespielt hat zu ruinieren. Von Seiten der Konzernleitung ist klar dass die Daten unter allen Umständen gesichert oder vernichtet werden müssen, wobei es Müller erst nach Monaten gelingt mit dem Erpresser Ello Dox in Kontakt zu treten und ein Treffen zu arrangieren. Verhandlungen mit dem 55jährigen, der 7 Sprachen spricht und derart tief verbittert ist, dass er glaubt nichts mehr zu verlieren zu haben gestalten sich allerdings als sehr schwierig...
Was ist Workplace Violence lautet die Frage welche Gierige Bestie stellt und sozusagen in der Nebenhandlung umfangreich beantwortet. Gewalt am Arbeitsplatz ist etwas sehr subtiles, im Grunde eine Form von Mobbing oder auch Belastung des Mitarbeiters weit über die Norm hinaus, bis dieser keine andere Möglichkeit mehr erkennt als sich zur Wehr zu setzen und das nicht selten in einem Amoklauf. Es ist Thomas Müllers derzeit größtes Anliegen über die Gefahren durch Forderungen von 110%iger Leistung aufzuklären. Doch es ist die Form die er dafür gewählt hat, an welcher es so manches auszusetzen gibt.
"Gierige Bestie" ähnelt sehr stark Müllers "Bestie Mensch", nur eben alleine auf Mobbing und Workplace Violence bezogen. Doch es hätte womöglich weit mehr Anklang gefunden wenn Müller auf den Versuch einen lehrreichen Pseudo-Thriller zu schreiben verzichtet hätte. Weil der zudem von Fehlern geprägt ist, die man sogar mit Wikipedia-Recherchen aufdecken kann. So ist Lucretia Borgia nie die Tochter Pius II. gewesen, sondern Alexander VI. dessen Familie gewisse Ähnlichkeiten zur modernen Mafia aufzuweisen hatte und nebenbei auch den von Niccolo Macchiavelli verehrten "Fürsten" Cesare Borgia hervorbrachte, ebenso wie es keine chinesischen Geishas gibt (Seite 73). Auch ist dieser Thriller-Aspekt von Gierige Bestie nichts was man als besonders gelungen bezeichnen kann, auch wenn das Werk insgesamt seinen Zweck erfüllt und tatsächlich Wissen vermitteln kann, wenn man das zugeben will.
"Gierige Bestie" ist ein Bestseller wie er im Buche steht, kein gelungener Thriller, kein gutes Sachbuch, gerade einmal eine mittelmäßige Erzählung, aber dank "heißer" Thematik und kontroverser Aufmachung gut verkauft. Dessen ungeachtet gelingt es Müller allerdings sein Anliegen und so manchen Leser doch entsprechendes Grundwissen über Workplace Violence zu vermitteln.
- Resümee -
Zwei sehr kontroverse Bestseller, an denen vor allem Müllers Selbstdarstellung (beide Bücher sind sehr autobiografisch gehalten) und manch prosaische Ausflüge für Irritationen sorgen. Inhaltlich erfährt man zwar nichts wirklich neues, doch es ist Müllers Autorität als Profiler die den von ihm aufgegriffenen Gemeinplätzen Gewicht verleiht.