Die "Beatles in Mono"-Box von 2009 wurde ein großer Erfolg, was als Folge hatte, dass viele andere Plattenfirmen ihre Archive nach alten originalen Mono-Mischungen duchsuchten und veröffentlichten. Sowohl Bob Dylan folgte im Jahr 2010 mit seinen "Original Mono Recordings", als auch andere Wiederveröffentlichungen in kleinerem Rahmen. Diese neuen Ronettes-Zusammenstellung von 2011 ist Teil einer Serie von 4 CDs von Phil Spectors Werk aus den 60ern (die drei anderen sind jeweils eine CD von The Crystals, Darlene Love und eine Art "Phil Spector Best Of"), die alle in hervorragender Klangqualität von den originalen Bändern transferiert wurden von Vic Anesini, einer der besten Mastering-Techniker bei Sony. Viele CDs heutzutage werden möglichst laut gemastert und verlieren dadurch an Dynamikumfang, diese aber hier klingt sehr ausgewogen und klar. Wer die alte "Back to Mono" Phil Spector Box aus dem 90ern besitzt, wird im direkten Vergleich merken, was ich meine.
Warum Mono? Nun, Mono war der Standard schlechthin bis Anfang 1968 in den U.S.A. und ein bisschen später in Europa. Alle Hits wurden in Mono abgemischt und so auch von den meisten Leuten gehört. Stereo-Aufnahmen gibt es, ausgenommen von vereinzelten Experimenten, seit Mitte der 50er Jahren, Ende der 50ern wurde Stereo auf Langspielplatte eingeführt, aber nicht für Singles, die bis Anfang der 70ern immer noch mono waren. Mono und Stereo existierten also parallel etwa 10 Jahre lang, wobei das Mono viel mehr Aufmerksamkeit in der Endmischung bekam und Stereo nur als "Effekthascherei" eingestuft wurde. Manche frühe Stereo-Aufnahmen klingen hervorragend dadurch, dass die meisten Bands damals noch live im Studio gespielt haben, seit den frühen 60ern wurden aber die Aufnahmetechniken immer komplexer und das wiederholte Overdubbing (das Überlagern von mehreren, hintereinander aufgenommenen, Spuren) führte zu Schwierigkeiten in der Stereomischung.
Einer der Pioniere der Overdubbing-Technik in den 60ern war der Produzent der Ronettes, Phil Spector. Er nahm zum Beispiel 4 Spuren Gitarre und 4 Spuren Schlagzeug auf, die, übereindander gelagert, einen Klangeffekt erzeugten, den er "Wall of Sound" nannte. Dieser Effekt funktioniert nur in Mono und konnte mit der rudimentären Technik von damals gar nicht in Stereo hergestellt werden. Außerdem verbrachten die Produzenten viel mehr Zeit damit, eine ausgewogenen und kraftvolle Mono-Mischung herzustellen.
Wenn die Möglichkeiten für Stereo in den 60ern so eingeschränkt waren, warum macht man nicht heute neue zeitgemäße Stereo-Mischungen? Aus mehreren Gründen: der erste wäre, dass die Aufnahme-Bänder verschwunden sind oder irgendwann gelöscht wurden und nur noch die finalen Mischungen existeren. Das ist der Fall mit mehreren Songs auf dieser CD. Ein anderer Grund: mit dem heutigen Equipment kann man den alten Sound nicht reproduzieren, man hat weder die Technik von damals (oft Spezialanfertigungen), noch kennt man Tricks, die damals angewandt wurden, um einen besonderen Sound zu erzeugen. Wer E-Gitarre spielt, wird wissen, dass man den Klang eines alten Röhrenverstärkers nicht simulieren kann, sondern man braucht den echten Verstärker. Der dritte Grund ist einfach: neue Mischungen wären nicht historisch akkurat.
Wie geht man also mit Mono um? Wer Mono nicht kennt, wird am Anfang seine Schwierigkeiten damit haben. Auch so audiophil gemastert, wie auf dieser CD, sind die Songs trotzdem keine Klangwunder. Die Vielschichtigkeit des Sounds wirkt manchmal undurchdringlich. Zweifellos besitzen die Mono-Mischungen aber einen besonderen Charme und sind ganz klar das, was damals als Endprodukt gedacht war. Wenn man sich mit Mono anfreunden möchte, sollte man die Stereo und Mono-Versionen von den Motown-Hits miteinander vergleichen. Die Mono-Mischungen haben mehr Bass, lauteres Schlagzeug und insgesamt viel mehr Kraft und werden jeden überzeugen, der denkt, dass Stereo das Ultimative ist. Stereo mag heute das Standard sein, aber in den 60ern war es Mono.