Der Mann vom Volk der Buschleute, der mit Bogen, Pfeil und Grabestock die Namib durchquert, und die japanischen Geschäftleute, deren Schlafkabinen in einem Kapselhotel Aufbewahungsfächern für Menschen ähneln, leben gemeinsam in diesem Jahrtausend. Im Zeitalter der digitalen Bildbearbeitung nimmt die Dokumentarfotografie nach Ansicht des Herausgebers eine besondere Rolle ein. Die Fotografen, deren Bilder für die Werkschau der National Geographic Society ausgewählt wurden, wollen die Wahrheit enthüllen. Ihre Kunst will zum Nachdenken anregen und Gemeinsamkeiten zwischen Menschen in aller Welt verdeutlichen.
Ferdinand Protzmanns Fotoreise durch die Arbeitswelt spannt sich von einem Schwarzweissfoto der Shackleton-Expedition 1914 bis zu einem Farbfoto der brennenden Ölquellen 1993 in Kuwait als Kriegsfolge. Die Zusammenstellung der Fotos ist in fünf Kontinente/Regionen (Europa, Asien, Afrika, Amerika, Naher Osten) und vier übergeordnete Themen (Landwirtschaft, Rohstoffe, Produktion, Inseln) gegliedert. Die einführenden Texte zu jedem Kapitel geben die passenden Stichworte: der Begriff Arbeit, Beziehung zwischen Mensch und Industrie, Lebensbedingungen von Frauen und Kindern, Kriege und Konflikte, Umwelt und Gesundheit. Der Text lenkt die Aufmerksamkeit auf Details der Aufnahmen, wie auch auf die sozialen Hintergründe.
Das älteste Foto zeigt den noch unvollendeten Eiffelturm in Paris im Jahr 1887. Sehr wirkungsvoll sind Portraits, wenn sie den Stolz auf handwerkliche Fähigkeiten vermitteln können, wie z. B. das des Schlachters, der mit dem sauber ausgenommenen Schwein nach getaner Arbeit gezeigt wird. Oft wirkt der Mensch im Verhältnis zu seinem Werk winzig (der Bootsbauer auf den Spanten seines Schiffsrumpfes) oder ein Foto charakterisiert die Lebensbedingungen einer ganzen Epoche (das Wäschewaschen am öffentlichen Brunnen 1920). Fotos aus Asien bilden das Kräfteverhältnis zwischen Mensch und Natur ab, auch den Kontrast zwischen Arm und Reich. Hier wird die Kritik durch den Fotografen an der Lebenssituation der abgebildeten Menschen besonders deutlich. Es ist beeindruckend, wie treffend einige Fotos Merkmale unterschiedlicher Kulturen charakterisieren: Massenszenen aus Asien, Zurückhaltung der Portraitierten in muslimischen Ländern, in denen ein Bildnis des Menschen traditonell abgelehnt wird, Dokumentation von Kinderarbeit bereits auf einem Foto von 1909. Besonders gefreut habe ich mich über ein Foto des Pioniers der Reportage-Fotografie Henri Cartier-Bresson von 1958 und über erste Farbfotos (Südafrika 1930). Mein Lieblingsfoto ist das des Wissenschaftlers, der sich von einem gigantischen Eukalyptusbaum abseilt.
Die Qualitäten dieses Bildbandes
* sein kompaktes quadratisches Format
* der Text, der die Fotos in einen sozialen und historischen Zusammenhang stellt
* historische Schwarzweiss- und Farbfotos aus der frühen Zeit der Fotografie
* die Portraits sind zum großen Teil auf einer einzelnen Seite abgebildet, so dass der Buchfalz beim Betrachten nicht stört