Um in meiner doch ziemlich umfangreichen Bibliothek die Übersicht nicht zu verlieren, ordne ich die Bücher nach Sachgebieten. Und dann gibt es noch die Abteilung "Kunterbunt" für Lieblingsbücher. Dort steht nun auch dieses kleine, 15 Euro-Bändchen. Gleich neben "Unternehmenskultur. Wie weiche Faktoren zu harten Fakten werden", mit dem mich der gleiche Autor 2003 überraschte. Wer sich mit Storytelling befasst, geht mit Goethe einig, dass alle guten Geschichten schon einmal geschrieben wurden. Wäre der Neuigkeitswert mein wichtigstes Qualitätskriterium an ein Buch, hätte ich dieses kleine Schmuckstück ganz einfach unter "J" zu den Wirtschaftssachbüchern eingereiht. Aber im Zeitalter der knappen Aufmerksamkeit bekommt die Form eben noch mehr Gewicht. Und wie der bekannte Change-Management-Berater Hans Rudolf Jost seine Erfahrungen weitergibt, finde ich einfach Spitze.
Geordnet sind die Worthülsen aus der Teppichetage nach dem Alphabet, was ja noch keine Meisterleistung ist. Doch bevor der Leser beim zweiten Buchstaben ankommt, wird ihm klar, dass es der Autor hervorragend versteht, riesige Informationspakete so zu verdichten, dass auf wenigen Zeilen so viel Wesentliches steht, wie andere Autoren in einem ganzen Buch nicht bieten. Aber Hans Rudolf Jost reduziert Inhalte nicht einfach, indem er einem billigen Telegrammstil verfällt oder alle interessanten Anschlussstellen weglässt. Sein Vorgehen erinnert eher an die Arbeit eines abstrakten Künstlers, indem er mit starken Worten und Minigeschichten Orientierungspunkte schafft, die Hinweise auf den unverrückbaren Kern einer Botschaft erlauben. Da diese Beschreibung vielleicht zu geschwollen klingt, muss ich gleich anfügen, dass der Autor seinen Humor trotz all der beobachteten Schreckensereignisse auf den Teppichetagen nicht verloren hat. Und erstaunlicherweise wird er auch nie zynisch. Fast nie. Denn wird man fast täglich mit so viel Arroganz und Unsinn konfrontiert, braucht es viel Gelassenheit, um nicht dem Zynismus zu verfallen. Vor allem, wenn man noch weiß, wie hoch die Gehälter der Spitzenmanager sind.
Mit über 150 Stichworten bringt Hans Rudolf Jost Ordnung in ein Chaos, das eigentlich von denen gemanagt werden soll, die es zum Teil verursachen. Aber der Autor wirft den Worthülsenproduzenten ja nicht vor, sie seien die Hauptschuldigen an der ganzen Misere. Er hält ihnen lediglich einen Spiegel vor und fragt sich manchmal zu Recht, warum sie der Schrecken nicht dazu veranlasst, einige Gewohnheiten zu verändern. Und um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, er würde Wasser predigen und Wein trinken, vermeidet Hans Rudolf Jost alles, was nach einer Power-Point-Präsentation aussehen könnte. Oder anders gesagt, er variiert. Eigene Beobachtungen wechseln sich ab mit Ausschnitten aus Studien, schrägen Statistiken, träfen Zitaten, verrückten Aufzählungen, Grafiken, Querverweisen, Geständnissen und Anmerkungen. Dank dieser formalen Vielfalt vergisst der Leser, dass der Inhalt nach dem Prinzip Telefonbuch geordnet wurde.
Mein Fazit: Kein Jahrhundertwerk und trotzdem schon in der Kategorie Lieblingsbücher. Denn der Autor versteht es ausgezeichnet, den ganz normalen Wahnsinn zu beschreiben, der sich tagtäglich auf den Teppichetagen abspielt. Aber da er nicht in der Rolle des allwissenden Anklägers auftritt, der selber frei von jeder Schuld ist, erkennen sich auch Leser in den vorgehaltenen Spiegeln, die für das Management ihres Lebens sehr viel weniger Gehalt kriegen als so genannte Top-Shots.