Börsenbücher über eine Handelsmethode zu schreiben, bei der Trader eigene Entscheidungen fällen müssen, ist gewiss nicht einfach. Denn jeder, der eine von ihm erfolgreich gehandelte Methode in Buchform erklären möchte, steht vor dem Problem, dass er eigentlich nur die grundsätzlichen Regeln und einige Besonderheiten angeben kann. Seine persönliche Erfahrung und die daraus entstandene Intuition sind auf diesem Weg jedoch nicht vermittelbar. Und damit fehlt ein wesentlicher Bestandteil der Methodik.
Leider gibt es aber auch Bücher, in denen die Autoren ihre Methode vielleicht gar nicht präzise erklären wollen, weil sie ihren Text eher als Marketing-Methode für eine Software oder nachfolgende Seminare verstehen. Und genau diesen Eindruck bekam ich nach und nach beim Lesen von DiNapolis Werk. Ein erfahrener Trader kann sich die hier propagierte Methodik vielleicht noch aus dem Text zusammenreimen, anderen Lesern wird das schon schwerer fallen. Vielleicht kommen diese Menschen dann auf die Idee, die am Ende des Buches empfohlene Software zu bestellen. Allerdings sollten sie sich in diesem Fall genauer informieren, denn das amerikanische Original dieser Übersetzung wurde vom Autor bereits 1998 im Selbstverlag veröffentlicht.
Obwohl inzwischen auch noch andere Bücher über Fibonacci-Methoden geschrieben wurden, enthält dieses Werk immerhin die Grundzüge und gewisse Feinheiten dieses Handelsstils. Darüber hinaus findet der Leser zahlreiche durchaus nützliche Hinweise, zum Beispiel darüber wie man die Stochastik oder den MACD vernünftig einsetzt, wo man Stopps setzt, wo man einsteigt, wenn man der DiNapoli-Methode folgt, wo sich Gewinnziele befinden und welche Chartmuster im Zusammenhang mit der vom Autor favorisierten Methodik gewinnbringende Trades versprechen.
Das Buch, das im Original nach Aussagen seines Autors mit voller Absicht nie einen Lektor kennengelernt hat, ist in drei Teile gegliedert: eine Einführung, den "Kontext" und einen Teil, in dem die DiNapoli-Levels vorgestellt werden.
Im einführenden Teil diskutiert der Autor zunächst verschiedene Trading-Methoden und hierbei vor allem den Unterschied zwischen beurteilenden (also nicht mechanischen) und nicht beurteilenden (also mechanischen oder automatischen) Handelssystemen. Seine Beschreibungen der jeweiligen Idealvorstellungen und der dann doch etwas anderen Realität sind recht treffend. Danach kommt DiNapoli zu zahlreichen Definitionen. Unter anderem erklärt er hier, was er unter einer Marktrichtung oder einem Trend versteht. Doch leider begreift man spätestens in diesem Kapitel, dass es dem Autor nicht darum geht, seinen Lesern präzise Mitteilungen zu machen. Die meisten Festlegungen oder Erklärungen sind entweder sehr allgemein oder nebulös und verwirrend. Kapitel 3 dieses Teils befasst sich mit den "entscheidenden Komponenten einer erfolgreichen Tradingmethode". Das hört sich vielversprechend an. Doch dieses Kapitel ist lediglich vier Seiten lang und besteht im Wesentlichen aus allgemeinen Ausführungen und Hinweisen auf gängige Literatur.
Der zweite Teil beginnt mit einer Erklärung der von DiNapoli zur Trendbestimmung genutzten sogenannten "Displaced Moving Averages". Das sind auf der Zeitachse nach vorne geschobene gleitende Durchschnitte, die eine Bewegung nach Ansicht des Autors besser umfassen. Im nächsten Kapitel werden die Benutzung einer vom Autor bevorzugten Stochastik-Variante und des MACD besprochen. Kapitel 6 behandelt einige Kursmuster oder deren Scheitern. Abschließend werden verschiedene Oszillatoren (Stochastik, RSI, CCI, trendbereinigte Oszillatoren) diskutiert und geklärt, was nach Meinung des Autors funktioniert und was nicht.
Im letzten Teil schließlich geht es um die eigentliche Methodik der DiNapoli-Levels. Im Grunde stellt diese Methodik lediglich eine bestimmte Art des Fibonacci-Tradings dar. Obwohl der Autor dabei vieles erklärt und beschreibt, war dieser Text für mich ziemlich schwer lesbar. Denn DiNapoli macht sich nicht die Mühe, seine Methode wirklich verständlich und präzise zu erklären, obwohl das natürlich leicht möglich gewesen wäre. Irgendwann bekam ich dann das Gefühl, dass diese Weigerung, eine einfache Geschichte auch einfach und verständlich zu erzählen, Absicht ist. Denn in Wirklichkeit steckt nicht viel Neues oder Schwieriges hinter diesen DiNapoli-Levels. Sie sind schlicht und ergreifend bestimmte Regionen, in denen man definierte Fibonacci-Rücksetzer in einem Trend erwartet. Der Autor erklärt dann ausführlich, aber auch ziemlich verschwommen und mit Hinweisen auf seine Software, wie er solche Rücksetzer handelt.
Möglicherweise habe ich aber auch irgendein ultimatives Tradinggeheimnis in diesem Buch übersehen. Immerhin gibt es auf dem amerikanischen Markt nur noch zwei Exemplare dieses Buch bei Amazon gebraucht zu kaufen. Stückpreis knapp unter 1.000 Dollar.
Fazit.
Dies ist eine Übersetzung eines Originals aus dem Jahre 1998. Im Text erklärt der Autor seine Methode, Trends zu handeln, die im Wesentlichen darin besteht bei gewissen Rücksetzern einzusteigen und bestimmte Gewinnziele im Voraus zu berechnen und dann zu realisieren. Leider ist dieses Werk nicht besonders gut geschrieben. Aber immerhin enthält es zahlreiche vernünftige Hinweise und eine aus meiner Sicht merkwürdig schlecht erklärte Handelsmethode. Meine Bewertung dieses Buches bezieht sich deshalb nicht auf die Methode, sondern auf die Art, wie sie hier erklärt wird. Ganz nebenbei scheint DiNapolis Buch aus mir unbekannten Gründen eine echte Geldanlage zu sein.