Als der Irak 2003 von der "Koalition der Willigen" vermeintlich befreit wurde, setzte dies eine zuvor noch nie dagewesene Welle an Publikationen und Reiseberichten der "embeded journalists" und anderer Kriegsberichterstatter ein. Doch "Ganz generell dringen die arabischen und muslimischen Stimmen nur gedämpft zu uns, bearbeitet durch unsere Filter: unsere Medien und unsere Experten. Wir haben keinen direkten Zugang. Wie gut oder wie schlecht die Absichten, wie redlich oder wie manipulativ die Berichte der Meinungsmacher auch sein mögen, die überwältigende Mehrheit der Menschen im Westen hat nur ein einziges Bild von Bagdad: ihr westliches Bild, das in einem Nebel von Unverständnis und Gewalt bis zum Überdruss wiederholt wird.", um die Journalistin Florence Aubenas aus dem Vorwort zu zitieren.
Problematisch an dieser medialen Weichenstellung für unser Weltbild ist grundsätzlich der Mangel an qualifizierten Experten und dass es weit weniger solche gibt, als damals und heute in den Medien zu den Diskussionen eingeladen und befragt werden. Wie in den Geisteswissenschaften üblich, ist es aber von unabdingbarer Notwendigkeit sich auf direktem Wege an die Quellen zu wenden, aus erster Hand Informationen zu erhalten und dies möglichst in einem Umfeld, das frei von Zensur oder Faktoren steht, welche die Informationen verfälschen könnten. "Aber vor allem spricht man in Bagdad anders mit einem Besucher aus einem arabischen Land als mit uns Reporter und Besuchern aus dem Westen. Sihem führt uns nicht nur in eine andere Stadt, sondern in ein anderes geistiges Universum.", heißt es weiter. Eine Ansicht die sich bereits nach wenigen Seiten bestätigt. Sihem Bensedrine ist tunesische Journalistin und gewissermaßen die Galionsfigur im Widerstand gegen den Diktator General Ben Ali. Derzeit hält sie sich auf Einladung der Hamburger Stiftung für Politisch Verfolgte in Deutschland auf. Der Unterschied zwischen ihr und Autorinnen wie Antonia Rados könnte nicht größer sein.
Ihre Reise in den besetzten Irak 2003 wagte sie um ihre Freundin Nazera wiederzufinden, eine irakische Ingenieurin, die sie einst, über das im Zuge des UN-Embargos gegründete Komitee zur Unterstützung des irakischen Volkes, kennengelernt hatte. Nazera öffnete ihr die Augen für die Schattenseiten der Baath-Diktatur Saddam Husseins, für Folter, Mord und Unterdrückung. Von diesen Innenansichten profitiert "Besiegte Befreite" als in bestimmter Weise unvoreingenommener Reisebericht über den mehr besiegten als befreiten Irak im Jahre 2003. Unter Saddam Hussein war der Irak nämlich keine Oase des Friedens und der Eintracht, wie mancher Kriegsgegner suggeriert, denn gerade die Folgen des nach dem Golfkrieg von 1991 durchgesetzten UN-Embargos führten zu Massakern an Oppositionellen, einer katastrophalen Verknappung an Medikamenten, Erstarrung der Kunst-Szene und der Intellektuellen, wie Zugeständnisse des Regimes gegenüber den Konservativen.
Mit der Invasion 2003 waren noch vorsichtige Hoffnungen verbunden und die baldige Explosion des Angebots an Tages- und Wochenzeitungen, sowie politischer Parteien täuschten nur zu gut über die eigentlichen Missstände hinweg, welche von der Koalition im Namen der Demokratie geschaffen wurden. Das Militär wurde schon bald aufgelöst, gegen Plünderungen nichts unternommen und so manche Schergen des alten Regimes von den angeblichen Befreiern weiterbeschäftigt. Faktisch sank der Lebensstandard im Irak nach der Invasion jedoch noch deutlich unter die Embargo-Zeiten und die fast vergessenen Zeiten vor dem Angriff auf Kuwait. Ähnlich wie Österreich nach der Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre taumelte der Irak von einem Krieg durch schwere Zeiten in einen Krieg und noch schwere Zeiten, so dass man sich zu dem Zeitpunkt bereits längst an Lebensmittelkarten und Rationierungen gewöhnt hatte. Neu und als beinahe bedrohlicher als das mittlerweile heillos zusammengebrochene Gesundheitssystem, entpuppte sich die Welle der Gewalt in den Straßen, welche durch Gerüchte mit realen Grundlagen über Kindesentführungen und Überfälle am helllichten Tage auf offener Straße schon bald zur öffentlichen Hysterie ausartete.
Es verwundert kaum, wenn sich die Bürger des Iraks ein sehr klares Bild von der Politik ihrer Besatzungsmacht geschaffen haben, das sehr kritisch die Doppelzüngigkeit der US-Repräsentanten offen legt. Sihem Bensedrine geht dem nach und scheut sich auch nicht Kritiker an den Exilirakern zu Wort kommen zu lassen, welchen es nicht gelungen ist sich vor den Verfolgern des Regimes in den Westen abzusetzen.
Bei der Lektüre dieses Büchleins wird der Leser oft überrascht, wie viel es der Autorin doch gelingt darin trotz einiger Wiederholungen unterzubringen. Viele Zeilen sind einmalige Einsichten und wirken wie ein Konzentrat, das in Kontakt mit dem wässrigen Irak-Bild in unseren Köpfen einen völlig neuen Blickwinkel entstehen lässt. Sihem Bensedrine konzentriert sich sehr auf die Kernbotschaften und lässt die Betroffenen selbst zu Wort kommen, anstatt ausufernd über die Erlebnisse Fremder zu dozieren. Somit vermittelt sie einen sehr direkten und durchwegs unkomplizierten Zugang zur irakischen Perspektive.
Fazit:
Unbedingt lesenswert für alle Interessenten die sich nach einem Al-Dschasira-Gegenstück zu Antonia Rados sehnen. Wenn man Sihem Bensedrines Bericht liest wagt man zu hoffen, dass noch mehr Autorinnen wie sie das Privileg erhalten mögen, an die Öffentlichkeit zu treten und unser Weltbild von seiner eurozentrischen Einseitigkeit zu befreien.