Diese Frage beschäftigt die Hauptperson der Geschichte, die 1955/56 in Budapest spielt. Der in die Pubertät kommende Robert (Robi) Singer ist nicht unbedingt der Held, mit dem sich ein Leser leicht identifizieren kann. Er ist übergewichtig, hat eine leicht verkrüppelte Hand und fühlt sich seinen Kumpels in Sachen Männlichkeit unterlegen. Die Vorstellung, durch die bei ihm noch ausstehende Beschneidung von seinem ohnehin zu kleinen besten Stück noch etwas einzubüßen, erfüllt ihn nicht gerade mit Zuversicht.
Keine Hilfe ist ihm in dieser schwierigen Entwicklungsphase seine Mutter, eine ebenso hypochondrische wie fettleibige Witwe, die sich gegen Ende des Romans einer Schlafkur unter- und damit ihrer Verantwortung entzieht.
Bleibt als wichtigste Person die Großmutter, auch verwitwet, aber lebenstüchtig und mit beiden Beinen auf dem Boden stehend. Ihre pragmatische Art an die Dinge heranzugehen korrespondiert mit ihrer Skepsis gegenüber dogmatischen Glaubenslehren und Ideologien - so kann sie Mitglied der jüdischen Gemeinde und der kommunistischen Partei sein und doch beiden Organisationen gegenüber unabhängig bleiben. Und mehr Verständnis für ihren Enkel aufbringen als dessen Mutter, Lehrer oder Altersgenossen...
Nach der Lektüre war mir allerdings nicht ganz klar, was ich eigentlich gelesen habe: eine zeitgeschichtliche Momentaufnahme aus der Phase vor dem Ungarn-Aufstand von 1956, eine Art Entwicklungsroman, eine eher tragikomische jüdische Selbstbetrachtung mit autobiographischen Zügen oder ein Plädoyer für das Individuum und seinen eigenen Weg? Wahrscheinlich von allem etwas, aber nicht genug für vier oder gar fünf Sterne.