Nun ist er endlich zu haben - der langersehnte neue Roman von John Grisham. Und der Einband suggeriert gleich allerfeinste Thrillerkost: "Sein packendster Roman seit Jahren (Ney York Times)" steht da als Eye-Catcher. Die Inhaltsbeschreibung klingt verheißungsvoll und macht Neugierde auf Jeanette Baker, die gegen den Chemiekonzern Krane Chemical Inc. geklagt hat, da dieser schuld ist am Krebstod ihres Mannes und ihres Sohnes, weil er jahrelang das Grundwasser und die gesamte Umgebung ihres Countys verseucht hat. Krane Chemical wird in allen Anklagepunkten für schuldig befunden und zur Zahlung von 40 Millionen Dollar verurteilt. Doch der Konzern geht in Berufung und eine Intrige ungeheueren Ausmaßes nimmt ihren Verlauf. So weit so gut!
Doch wieder einmal werden mit dieser Inhaltsbeschreibungen Erwartungen geweckt, die nur ansatzweise erfüllt werden - reine Effekthascherei und wirtschaftliches Kalkül des Verlages. Jeanette Baker spielt im weiteren Verlauf des Romans so gut wie keine Rolle mehr. Und überhaupt erwartet den Leser kein Grisham Thriller alter Güte wie "Die Firma" oder "Die Jury" sondern ein überaus zäher und eher im Chronikstil geschriebener Roman, der mehr an seinen letzten ernsten Roman "Der Gefangene" erinnert....was eindeutig nicht für "Die Berufung" spricht.
Inhaltlich packt Grisham ein durchaus spannendes Thema an, nämlich den Einfluß der Großkonzerne auf das Rechtssystem in Amerika im Allgemeinen und das Procedere bei der Zusammensetzung der Supreme Courts, der Berufungsgerichte, in den USA im Speziellen. Leider verpasst er die Chance, aus dem hochbrisanten Thema einen fesselnden Roman zu machen.
Worum geht es wirklich in "Die Berufung":
Nach dem Urteil gegen Krane Chemical Inc. geht der charismatische und cholerische Eigentümer Carl Trudeau (überaus stereotyp und klischeehaft böse dargestellt) in Berufung. Dabei sichert er sich die Unterstützung des "Spezialists für Wahlen" Barry Rinehart, dessen Kompetenz es ist, Richterwahlen für den Supreme Court, vor dem die Berufung landet, so zu beeinflussen, dass das künftige Gericht unternehmensfreundlich mit Marionetten der Konzerne besetzt ist. Zielscheibe seiner Aktivitäten ist die amtierende Richterin Sheila McCarthy, als Gegenkandidaten entscheidet er sich für den vollkommen unbekannten Anwalt Ron Fisk. John Grisham erzählt nun in seinem Roman, auf welch perfide Art und Weise und mit wieviel Geld in der Hinterhand Rinehart nun im Hintergrund die Fäden zieht - alles nur mit dem einen Ziel, dass Krane Chemical Inc. in der Berufung gewinnt. Grisham gibt einen detaillierten und durchaus erschütternden Einblick in das US-Justizsystem und allein die Tatsache, dass dies zwar ein fiktiver, aber durchaus in der Realität üblicher Fall ist, fesselt beim Lesen.
Leider jedoch lässt der Schreibstil Grishams sehr zu wünschen übrig. Ich empfand "Die Berufung" zu Detail- und Nebenhandlungs-verliebt. Ständig kommt noch ein Aspekt dazu, wird dieser und jener Nebenstrang verfolgt und der Spannungsbogen kippt hinten runter.
Sicherlich ist es für sich interessant den Backgroud der beiden in erster Instanz erfolgreichen Klägeranwälte Wes und Mary Grace Payton kennen zu lernen und ihre Geschichte in diesem ganzen Komplott zu verfolgen. Genau so interessant ist es die Story des Bankangestellten Tom (Huffy) Huff kennen zu lernen, der den Paytons mehrere Kredite genehmigt hat, deren Rückzahlung vom Erfolg der Berufungsverhandlung abhängt. Ebenfalls weckt der zwielichtige Anwalt Clete Coley, der im Rahmen der Strategie von Rinhart als Scheingegner für Sheila McCarthy aufgebaut wird. Und auch der Eigentümer von Krane Chemical, Carl Trudeau, polariesiert.
Aber all das ist einfach zu viel des Guten (denn ich habe hier nur die bedeutendsten nebenhandlungen aufgezählt) und so bleibt am Ende des Romans, dessen Ende im Übrigen schon vorhersehbar ist, ein schaler Beigeschmack, dass eine tolle Grundidee aufgrund des Unvermögens des Autors leider gescheitert ist.
Nur wegen des Themas und des - das unterstelle ich Grisham einfach mal - erschreckend großen Realitätsbezugs, vergebe ich 2 Sterne. Ansonsten scheint Grisham - mal abgesehen von seinen humorvollen Ausflügen wie in "Touch Down" - noch nach seiner Form zu suchen.