Ich kann meinen Vorrednern nur zustimmen: Besser kann man eine Doku über solch einen Menschen wohl kaum aufziehen. Sie ist eher thematisch als chronologisch aufgebaut, was bei Bernstein unbedingt notwendig ist, um seine ungeheure Zähigkeit und Energie auf jedem seiner Spezialgebiete erlebbar machen zu können. Und tatsächlich kann es bei ihm auch gelingen, sein Privatleben nicht zu verkitschen und das ewig herbeigeredete Rivalen- und Antipodentum zu Karajan mal nicht auszulatschen, wie es einige neue Dokus sogar in Parallelschnitt tun. Im Großen und Ganzen ist die Doku sehr undramatisch aufgebaut, was äußerst angenehm ist.
Als Kommentator kommt hauptsächlich Bernstein selbst zu Wort. Das garantiert zwar bei weitem nicht, dass man die ultimative Wahrheit hört, aber es ist besser, als sich eine zurechtgelegte über das Off-Kommentar einreden zu lassen - so ist man in seinen Äußerungen immer geneigt, zu hinterfragen. Die wenigen Off-Kommentare wirken dadurch manchmal recht unpassend, sind aber notwendig um dem ganzen Struktur zu verleihen. Wenn man sich oberflächlich "Sensationelles" verspricht, wird man enttäuscht werden: Es geht nicht um den Alkoholiker, Schwulen, Zerrissenen, Depressiven, Totunglücklichen, Tablettenabhängigen, am Ende körperlich Zerstörten. Es geht um den Künstler - und alles Private dient nur dazu, diesen nahe zu bringen, ist nicht Selbstzweck. Alles Übrige wird überraschen, von der ersten bis zur letzten Minute - gerade mit Massen von nicht oft gezeigtem Filmmaterial. Selbst wenn man sich, so wie ich, sein Leben lang intensiv mit Bernstein beschäftigt hat. Man wünscht sich dann nur, dass noch viel mehr Filmaufnahmen zugänglich gemacht werden, z.B. von seinem Wirken als Lehrer!