Der Amerikaner Leonard Bernstein (1918-1990) darf zurecht als eine der bedeutendsten Musikerpersönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts angesehen werden. Seinen größten Ruhm erwarb er sich als leidenschaftlicher Dirigent, der sich insbesondere um die sogenannte "Mahler Renaissance" verdient gemacht hat. Als Lehrer war er äußerst beliebt, veröffentlichte einige populäre Schriften zur Musik und auch als Pianist machte er sich - zumindest zu Beginn seiner internationalen Karriere - einen Namen. Da geht es oft unter, dass Bernstein auch selbst zahlreiche eigene Stücke komponierte, die es wert sind, dass man ihnen mehr Beachtung schenkt.
Auf diesem Box Set sind die wichtigsten Orchesterwerke Bernsteins zusammengestellt, größtenteils durch das Israel Philharmonic Orchestra eingespielt. Die Aufnahmen entstanden in den 70ern und 80ern und erfreuen sich einer erstaunlich guten Tonqualität. Es ist immer wieder eine Freude, zu hören, wie Bernstein seine eigenen Kompositionen dirigiert. Seine musikalische Tonsprache ist dabei zweigeteilt: Viele seiner Werke sind religiös konnotiert. Hier erinnert Bernsteins Stil stark an den nachromantischen Habitus eines Dmitri Shostakovich. Die anderen Stücke wagen einen - gekonnten - Seiltanz zwischen Klassik und Jazz. Der Hörer braucht also keine atonalen Werke zu befürchten, indes Bernstein die Dodekaphonie als der Weisheit letzten Schluss dahingehend ablehnte, dass sie absolute Gültigkeit besitze.
CD 1 - Hier befindet sich ein Auszug aus dem umfangreichen Schaffen Bernsteins aus dem Bereich der Ballettmusik. Die drei Tänze aus "On the Town" legen Zeugnis ab über seine große Liebe zu New York, der Stadt, in der seine internationale Karriere begann.
Mit "Fancy Free" liegt auch ein vollständiges Ballett vor. Auch hier ist der Tonfall gelöst, locker und beschwingt. Es zeigt sich bereits hier - wie auch im sogenannten "Facsimile" -, dass Bernstein die Symbiose zwischen Jazz und Klassik ebenso gut gelingt wie vormals einem George Gershwin, dessen "Rhapsody in Blue" Bernstein ja verehrte.
Bernstein dirigiert hier das Israel Philharmonic Orchestra im Rahmen von Konzertmitschnitten - mit kleinen Ausnahmen.
CD 2 - Die Ouvertüre zum Musical "Candide" und die sinfonischen Tänze aus "West Side Story" weisen Bernstein zum einen als grandiosen Musical Komponisten aus und legen zum anderen offen, dass Bernsteins Musik - so sehr er auch Kosmopolit war - stets der amerikanischen Tradition verhaftet blieb, ebenso wie seine Persönlichkeit.
Zum Film "On the Waterfront" (dt. "Die Faust im Nacken") komponierte er die Filmmusik. Aus Angst, dieselbe würde irgendwo verstauben, konzipierte er eine herausragende sinfonische Suite. Bernstein fügt sich nahtlos in die Reihe so großartiger Komponisten von Filmmusik wie Ennio Morricone oder Dmitri Shostakovich ein.
"Prelude, Fugue and Riffs" für Klarinette und Jazzensemble ist ein kleineres, charmevolles Stück. Das dreisätzige Werk weist in jedem Satz eine andere Besetzung auf, nur die Klarinette ist die Konstante.
Diesmal wird nur die Filmmusik mit dem Israel Philharmonic Orchestra dargeboten, die Ouvertüre und die sinfonischen Tänze hingegen mit dem Los Angeles Philharmonic Orchestra und "Prelude, Fugue and Riffs" mit den Wiener Philharmonikern und dem Klarinettisten Peter Schmidl (Konzertmitschnitt).
CD 3 - Hier gibt's die ersten beiden Sinfonien des Komponisten. Alle Sinfonien Bernsteins sind religiös konnotiert. Als gläubiger Jude befasste er sich zeitlebens damit, wie Gott - unabhängig welcher Religion - in der modernen Zeit gefunden und begriffen werden könne. Seine erste Sinfonie "Jeremiah" für Mezzosopran/ Alt und Orchester zieht dabei eher eine düstere Bilanz. Der verhaltene erste Satz stellt eine Weissagung dar. Im wütenden zweiten Satz geht es um Entweihung und Profanierung, so dass im sinistren "Finale" ein ausgedehnter Klagegesang folgen muss.
Die zweite Sinfonie für Klavier und Orchester trägt den Beinamen "The Age of Anxiety" nach dem gleichnamigen Gedicht von Wyston Hugh Auden. Inhaltlich geht es um verschiedene Charaktere, die sich glücklos und hoffnungslos in einer New Yorker Bar betrinken. Das feucht fröhliche Zusammensein endet in der Ernüchterung, dass die eigene Existenz nichtig ist. Bernstein legt seine "Vertonung" zweiteilig an: Der erste Teil besteht aus einem verhaltenen Prolog und vierzehn wundervollen Variationen über die "sieben Zeitalter" und die "sieben Stufen". Der zweite Teil beinhaltet einen tiefsinnigen Trauergesang, ein oberflächliches Maskenspiel und einen Epilog, der - in Hollywood Manier - einen Funken Hoffnung spendet.
Wiederum musiziert das Israel Philharmonic Orchestra mit Christa Ludwig (Mezzosopran) und Lukas Foss (Klavier).
CD 4 - Die "Chichester Psalms" für gemischten Chor, Knabensopran und Orchester beinhalten drei Psalmen, die Bernstein tiefsinnig vertont. Das Werk entstand anlässlich des Chichester Festivals 1965 in England.
Bernsteins beste Sinfonie ist fraglos seine Dritte "Kaddish" für Sopran, Sprecher, gemischten Chor, Knabenchor und Orchester. Das siebensätzige Stück besteht aus zwei Adagio Teilen und drei "Kaddish" Sequenzen. "Kaddish" bedeutet dabei so viel wie "Totengebet". Trotz dieser negativen Assoziation findet Bernstein hier offensichtlich eine Lösung für die Glaubensfindung des modernen Menschen. Das Zusammenspiel von Orchester, Gesang und Sprecher (Welche Leidenschaft!) ist einmalig und beinahe beispiellos. Eines der besten Stücke des amerikanischen Tonsetzers!
Das Israel Philharmonic Orchestra wird hier verstärkt durch den Wiener Jeunesse Chor, die Wiener Sängerknaben und einem Solisten aus demselben, Montserrat Caballé (Sopran) und Michael Wager (Sprecher).
CD 5 - Hier befindet sich zunächst das Divertimento für Orchester, das Bernstein anlässlich eines Jubiläums für das Boston Symphony Orchestra komponierte. Dieses erfrischende Stück besteht aus etlichen Tänzen und einem abschließenden Freudenmarsch.
"A Musical Toast" und "Slava! - A political Overture" - für Mstislav Rostropovich komponiert - sind zwei kleinere Gelegenheitswerke des Komponisten.
Anders sieht es da mit den "Meditationen" aus Bernsteins "Mass" aus, die hier in einem Arrangement für Cello und Orchester vorliegen. Diese tief gläubigen und zugleich festlichen Stücke verdienen durchaus mehr Aufmerksamkeit.
"Halil" ist eine zarte, pittoreske Nocturne für Flöte und Orchester. Hier produziert Bernstein einige seiner intimsten Melodien.
Was die Einspielung betrifft, so handelt es sich hier um Konzertmitschnitte des Israel Philharmonic Orchestras mit Mstislav Rostropovich (Violoncello) und Jean Pierre Rampal (Flöte).
CD 6 - Ebenfalls für ein Jubiläum komponiert - allerdings für das des Israel Philharmonic Orchestras - wurde das Konzert für Orchester mit dem Beinamen "Jubilee Games" geschrieben, eine der letzten vollendeten Kompositionen Bernsteins. Das Werk, das zusätzlich zum Orchester noch einen Bariton erfordert, ist viergeteilt: Der erste Satz ist ein freies Allegro, der zweite Satz eine komplexe Variationskette, der dritte beinhaltet einige sogenannte "Diaspora Tänze" und der vierte Satz trägt die Überschrift "Benediction". Seinen besonderen Reiz erhält das Werk dadurch, dass Teile von einem Aufnahmegerät aufgezeichnet werden, die dann später abgespielt werden.
Bernsteins Ballett "Dybbuk" besteht aus zwei ungleichen Suiten: Die erste ist weihevoll und zusätzlich mit einem Tenor und einem Bariton besetzt, die zweite hingegen erweist sich als freundlicher und gelöster. In beiden Suiten setzt sich Bernstein mit der Kabbala auseinander.
Das Konzert für Orchester wird vom Israel Philharmonic Orchestra mit José Eduardo Chama (Bariton) und "Dybbuk" von den New York Philharmonics mit Paul Sperry (Tenor) und Bruce Fifer (Bassbariton) vorgetragen.
CD 7 - Aus Faszination für Platons "Symposion" komponierte Bernstein seine Serenade für Violine und Orchester. Anhand von fünf teils frotzelnden, teils ironischen Charakterbildern stellt er vor allem mit Hilfe der Violine sieben Hauptgestalten dieses Meilensteines abendländischer Literatur dar.
Zu guter Letzt gibt's das sogenannte "Songfest" für sechs Sänger und Orchester nach amerikanischen Gedichten. Hierbei handelt es sich um Bernsteins größte Hommage an sein Heimatland, immerhin ist seine kompositionstechnische Meisterschaft hier über jeden Zweifel erhaben.
Ausführende sind hier für die Serenade das Israel Philharmonic Orchestra mit dem Geiger Gidon Kremer (Liveaufnahme) und für das "Songfest" das National Symphony Orchestra mit Clamma Dale (Sopran), Rosalind Elias sowie Nancy Williams (Mezzosopran), Neil Rosenheim (Tenor), John Reardon (Bariton) und Donald Gramm (Bass).
Die Qualität der Interpretationen liegt vor allem darin, dass es Bernstein vermag, seine Werke absolut homogen und einheitlich darzubieten. Die Leistung der jeweiligen Orchester ist dabei hervorragend: Transparenz, Differenziertheit bei gleichzeitiger Leidenschaft und ästhetischer Durchdringung. Bernsteins Dirigat ist stets fließend und farbig nuanciert. Vor allem in den "jazzigen" Stücken setzt er auf kräftige Akzente und scharfe Kontraste. Keines der Werke, die nun weiß Gott keine Repertoireklassiker sind, ist in irgendeiner Weise langatmig oder schwerfällig.
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