Patrick Dondelingers "Bernadette Soubirous" ist in zwei Teile untergliedert, in einen kürzeren, der knapp und informativ Bernadettes Lebensumstände und 18 Visionen beschreibt, und einen längeren deutenden Teil, der dem eigentlichen Anliegen des Autors entspricht. Sein offensichtlicher Ehrgeiz besteht darin, sich von allen früheren Darstellungsmustern zu trennen und in allem einer anthropologischen Sichtweise nachzuspüren, der er sich in seinem Nachwort durch diesbezügliche Überlegungen Joseph Ratzingers versichern möchte. Dondelinger verliert sich jedoch in mythische Welten des Volksglaubens und des kollektiven Unbewußten, gesellschaftlich und zeitgeschichtlich bedingter Haltungen, Vorstellungen, Erwartungen und Wertungen, beschränkt sich also auf eine rein innerweltliche Denkebene. Die eigentliche theologische Perspektiven gehen dabei völlig unter. Diese würden lauten: Wie handelt Gott am Menschen in seiner geschichtlich verfaßten Kirche? Welchen Bezug haben die Geschehnisse von Lourdes zur Botschaft Jesu? Es müßte klar werden, daß religionsgeschichtliche Ergebnisse der Anthropologie und des Unbewußten nicht außerhalb des heilsgeschichtlichen Horizonts stehen. Diesen Bereich jedoch vermag der Universitätsprofessor nicht in seine wissenschaftliche Denkprinzipien zu integrieren. Es fragt sich freilich, ob er nicht den Nebenschauplatz pyrenäischer Vorstellungswelt zu einem Hauptschauplatz aufgebauscht hat.
Natürlich weiß der Verfasser, daß den Visionen Bernadettes die der Kinder von La Salette (1846) und der Nonne Catherine Labouré (1830) vorangegangen sind, da er aber kirchengeschichtliche Denkkategorien ausklammert, kümmert er sich nicht um die inneren Zusammenhänge dieser drei Erscheinungen.
Die Lektüre des Buches wirft einmal mehr die Frage auf, welchen Wert theologische Wissenschaft ohne Erleuchtung und Führung durch den Glauben hat. Relativierende innerweltliche Rationalität wird ihr nicht gerecht.