Die Konkurrenz ist zwar nicht groß, dafür umso hochkarätiger: Colin Davis Einspielung von »Les Troyens« aus dem Jahr 1969 hat sicherlich Maßstäbe gesetzt, sowohl was die Interpretation als auch die Qualität der Solisten - allen voran Jon Vickers als Aeneas - betrifft. Dennoch vermag die Einspielung mit den Montrealern unter der Leitung von Charles Dutoit durchaus zu bestehen, in mancherlei Hinsicht die Vergleichseinspielung sogar eindeutig zu übertreffen. Da ist zunächst der Charakter der Interpretation: während Davis eher den Bombast der Partitur betont, setzt Dutoit auf die musikalische Architektur und auf »clarté« (Klarheit), ohne, daß dies auf Kosten der Dramatik ginge. Deutlich arbeitet er Berlioz' Orientierung an der französischen Tradition der Oper heraus, an Rameau und Gluck. Auch die eher zügingen Tempi seiner Interpretation weisen in diese Richtung, die zudem durch die Leistung der Solisten gestützt wird. Als beindruckendes Beispiel soll insbesondere Francoise Pollet hervorgehoben werden, deren Dido niemals ins melodramatische abgleitet. Ein weiterer Vorzug dieser absolut rauschfreien Aufnahme ist, daß Dutoits eine Szene reintegriert, die Berlioz auf Drängen aus dem ersten Akt herausgekürzt hatte, sowie das Vorspiel, das er für die Aufführung der Akte III-V nachträglich komponiert hatte eingefügt. Damit liegt erstmals eine wirkliche Gesamteinspielung der Musik vor, die Berlioz für »Les Troyens« komponiert hat.
Wer also französische Oper at it's best in einer schlanken, »französischen« Interpretation hören will, der sollte sich für diese Einspielung mit Charles Dutoit entscheiden.