Aus der Amazon.de-Redaktion
Im Oktober 2000 entstand dieser Livemitschnitt einer Aufführung von Hector Berlioz' dramatischer Legende
La Damnation de Faust. Sie gehört zu einer Reihe von Berlioz-Produktionen des London Symphony Orchestra unter Leitung seines Chefdirigenten Sir Colin Davis. Vor allem überzeugt hier die orchestrale Ebene: Der ungeheure musikalische Einfallsreichtum des Komponisten und seine faszinierende Instrumentationskunst erleben dank des sehr differenziert und klangschön musizierenden London Symphony Orchestras und des nuanciert und effektvoll gestaltenden Dirigenten eine kongeniale interpretatorische Umsetzung.
Nicht vollkommen glücklich wird man hingegen mit den Sängern: Am charaktervollsten und prägnantesten vermag David Wilson-Johnson die sehr kleine Rolle des Brander zu verwirklichen. Die anderen drei Solisten meistern ihre umfangreichen Partien solide und streckenweise recht ansprechend, aber es will sich beim Hören keine wirkliche Begeisterung über außergewöhnliche vokale Leistungen einstellen: Enkelejda Shkosa gestaltet die Marguerite ausdrucksvoll, schränkt ihre Strahlkraft aber durch ein recht ausgeprägtes Vibrato ein. Michel Pertusi fehlt es ein wenig an jener dämonischen Ausstrahlungskraft, die er als Méphistophélès in starkem Maße bräuchte. Am unmittelbarsten dringt Giuseppe Sabbatini (Faust) mit seiner metallischen, technisch sicher geführten Tenorstimme zum Hörer vor.
Interessant ist an Berlioz' Faust-Version neben der rein musikalischen Qualität ferner ihre Mittelstellung zwischen konzertanter Oper und symphonischer Dichtung, die eigentlich eine zuvor nicht da gewesene Gattung bedeutet. Berlioz hatte sich bereits als junger Mann, fasziniert von Goethes Dichtung, an einer Faust-Vertonung in acht Szenen versucht, die er jedoch trotz freundlicher Aufnahme beim Dichter später verwarf. Glücklicherweise kam ihm das unqualifizierte und perfide Urteil von Goethes musikalischem Berater und Freund Zelter über die erste Version nicht zu Ohren; andernfalls hätte er sich diesem Stoff vielleicht nie mehr gewidmet. So aber haben wir es bei La Damnation de Faust mit einer der interessantesten Schöpfungen Hector Berlioz' zu tun, was anhand der vorliegenden Aufnahme zwar mit den genannten Einschränkungen, im Blick auf die Gesamtleistung jedoch in durchaus mitreißender Weise erlebbar wird. --Michael Wersin