Über die Totenmesse von Hector Berlioz ist viel geschrieben, wenn nicht alles gesagt worden. Doch ist das letzte Wort auf Tonträger - das es in der lebendigen Interpretationsgeschichte eigentlich nicht geben kann - wirklich gesprochen ? Eine Neuproduktion muss mit Anspruch auf Maßstäblichkeit antreten. Diese Aufnahme ist ein gewaltiger Schnitt gegenüber allen bisherigen, die auf Tonträger vorliegen. Paul McCreesh, der vornehmlich mit betörenden Einspielungen von Werken Händels, Bachs und etwas entlegeneren Komponisten von sich Reden machte, ist eine in jeder Hinsicht maßstabsetzende Einspielung eines zentralen, nicht selten diskreditierten Werks der Romantik gelungen, die er als neuer künstlerischer Leiter des polnischen Festivals Wratislawa Cantans, gemeinsam mit Gabrieli Players &. Consort, Gruppen des philharmonischen Orchesters Wroclaw, dem Chetham's School of Music Symphonic Brass Ensemble und einem hervorragenden gemischten Chorensemble dieser Stadt erreichte. Aus einer solch heterogenen Gruppe eine Einheit zu bilden, die diesen Koloss auf überragende Weise stemmen konnte, ist allein schon eine bemerkenswerte Leistung.
McCreeshs große Erfahrung in der Alten Musik mag ihn dazu bewogen haben, bei der Neuaufnahme des Werks auf Mischklang zu setzen. Alle Blechblasinstrumente und Pauken stammen aus dem 19. Jahrhundert und fächern den Orchesterklang um eine obertonreichere Farbpalette (Mischung alt/neu auch in den Streichern) auf. Ein weiteres Novum ist, dass McCreesh den lateinischen Messetext französisch statt italienisch aussprechen lässt, was einen ausgefallenen Charme besitzt, im besten Sinne gewöhnungsbedürftig ist und danach kaum noch verzichtbar erscheint. Sinnfällig in der Erinnerung, wie man daran litt, dass britische und amerikanische Chorleiter es nicht vermochten, ihren Sängern nur ein einziges mal das "g" als "dsch" gesungen abzutrainieren. Der überaus homogene polnische Chor in dieser Aufnahme singt sehr präsise und textverständlich (wegen des fabelhaften Raumklangs und Nachhalls beinahe knapp akzentuiert), ist von überragender Intonationssicherheit, die unterschiedlich geführten Stimmen mischen sich sehr gut. Trotz der subversiven Besetzung bleibt die Aufführung erstaunlich transparent.
Kulminationspunkt der Messe im 1. Teil ist das "Tuba mirum" des Dies Irae in der von Berlioz visionär beschworenen Wahrhaftigkeit. Daran scheiterten bislang alle ansonsten auch künstlerisch unbestechlichen Aufnahmen. Und wirklich -: hier war man bisher weit weg von dem, was Berlioz vorschwebte. Bei einer Totenmesse dieser Art bleibt es neben der Musik selbst die Kunst sie so umzubrechen, dass das Ereignis unauslöschliches Erlebnis wird. Visionär wie Berlioz Gedanken in dem Werk bleibt auch seine Umsetzung. Dem ist hier alles Menschenmögliche und wohl auch Machbare geschuldet worden.
Doch dieses Requiem besitzt auch andere Seiten, zarte, von Erlösungszuversicht geprägte Abschnitte, Momente der Einkehr und Diskretion, zarter Hoffnung, und sublimer Trauer wie in den Abschnitten des Hostias, Sanctus und Agnus Dei. Das äußerst heikle Tenorsolo im Sanctus, an dem schon viele Solisten scheiterten, wird von Robert Murray lyrisch, unangestrengt, ohne einen Hauch gestemmter Extase, bewältigt. Er erinnert in der Art seines Timbres und Vortrags an Richard Verreau als Faust in "La Damnation de Faust" unter Markevitch.
Die durchgehende Geistesgegenwart von Paul McCreesh nicht nur in während des Partiturstudiums und der Vorbereitung zur Aufführung, auch bei der Aufnahme selbst, ließen ihn jeden Kontrast aus der Partitur herausarbeiten und umsetzen. Der kontemplative, tröstende und tiefgehend versöhnende Charakter dieser mit vielen feinsinnigen und nuancierten Chromatiken aufwartenden Totenmesse ist Schöpfungsgeschichte der Kunst im nachhaltigsten Sinne seines Wortes.
Diese Aufnahme wird Geschichte schreiben.
Klangbild: transparent und dynamisch, sehr gut ausgesteuert, sehr räumlich, Hall optimal im Verhältnis zur Temporelation der Aufführung (Maria-Magdalena-Kirche Wroclaw), Textbuch mit sehr guten künstlerischen schwarz-weiß Fotos, Text jedoch nur in englisch und polnisch.