Gebraucht kaufen
Gebraucht - Gut Informationen anzeigen
Preis: EUR 7,14

oder
Loggen Sie sich ein, um 1-Click® einzuschalten.
 
   
Möchten Sie verkaufen? Hier verkaufen
oder
gegen einen Amazon.de Gutschein über EUR 0,25 eintauschen?
Berliner Verhältnisse
 
Größeres Bild
 
Den Verlag informieren!
Ich möchte dieses Buch auf dem Kindle lesen.

Sie haben keinen Kindle? Hier kaufen oder eine gratis Kindle Lese-App herunterladen.

Berliner Verhältnisse [Gebundene Ausgabe]

Raul Zelik
4.2 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (4 Kundenrezensionen)

Erhältlich bei diesen Anbietern.


‹  Zurück zur Artikelübersicht

Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"Raul Zelik erzählt schnell und direkt. Sein Stil ist weniger literarisch als cineastisch. Seine Geschichten handeln von den meist unsichtbaren Grenzen zwischen Legalität und Illegalität, zwischen günstigen und verpaßten Gelegenheiten, zwischen Alltags- und Traumbildern." (Süddeutsche Zeitung)

Volker Weidermann, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.8.2005

"Und wie Raul Zelik den Leser da in rasender Geschwindigkeit durch das Berlin von heute führt, wie er sich auf den Baustellen, in den türkischen Cafés, den Architekten-Lofts, der Immobilien-Spekulantenszene, irgendwie in ganz Berlin herumjagt, Geschichten findet, Pointen, Witze, Grausamkeiten, wie er all die Geschichten zu einer großen zusammenbindet, zu einem echten, lesenswerten Roman von hier und heute, das ist großartig und sehr lesenswert!"

taz - die tageszeitung, 27.8.2005

„Zelik bespielt mit seinem Roman ein stiefmütterlich behandeltes Genre: die Verwechslungskomödie. Und er setzt dem sauertöpfischen Widerstandsaktivismus eine unsinnige, ungemein kleidsame Kappe auf: Das ständige Gewitzel ist der knatternde Motor der Geschichte, nicht sein Anlass ... Übertreibung ist hier Methode. Radikale Mittel wie Erpressung, Raub, Betäubung sind auch für Zeliks Protagonisten radikale Mittel. Begleitet aber werden sie von so lächerlichen Debatten quer durchs präpotente Vokabular der Postmoderne, dass ihre Inkraftsetzung einem Wunder gleichkommt. Beim Lesen jedenfalls schnappt man kreischend nach Luft."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.9.2005

Mitte? Welche Mitte? Ohnmacht siegt: Raul Zeliks gegenweltlicher Klamaukroman Zwischen Krise und Selbstfindung entfaltet sich eine turbulente Kömödie, die ihren Witz aus ebendieser Inkongruenz bezieht: Bei Verschiebung der Wertmaßstäbe ins klischeehaft Basisdemokratische bleibt die durchschnittliche Befindlichkeitsamplitude unverändert: Wut, Streit, Minderwertigkeitsgefühle, Eifersucht, Robin-Hood-Phantasien, all dies hat einen wirklichen Kern, während die auf einen "Out-sourcing"-Kreislauf reduzierte Business-Welt nur als groteske Folie fungiert. Genau aber mit dem unternehmerischen Pol der Gesellschaft aber läßt sich die Kreuzberger WG ein.

Süddeutsche Zeitung, 13.10.2005

"Schließlich schlägt man das Buch zu und hätte nur eines noch gern erklärt gehabt. In "Berliner Verhältnisse" kommt eine Gestalt vor, die von Gläubigern dafür bezahlt wird, dass sie den Schuldner Wolfgang im Hasenkostüm verfolgt, wo immer er hingeht. Geschäftsessen, Supermarkt und die privaten Orte - fast überall ist der angeheurte Arbeitslose dabei. Diese Art der Verfolgung ist neu und beeindruckend, im Tiergewand bewahrt sie doch ein menschliches Gesicht. Wahrscheinlich hat Raul Zelik sich das gar nicht ausgedacht, sondern es gibt die Hasentechnik tatsächlich. Das würde nämlich erklären, warum in letzter Zeit so viele menschengroße Hasen über den Potsdammer Platz laufen oder stumm in der S-Bahn sitzen. Groß und fusselig lsitzen sie da. Sind die Hasen doch keine Kunstaktion? Aber wenn das so wäre! Welch Misere würde hier sichtbar! Wir können es noch nicht mit Sicherheit sagen, aber vielleicht hat Raul Zelik doch einen politischen Roman geschrieben." Kai Wiegandt

Freitag, Literatur, 21.10.2005

Der Roman ist witzig, gewitzt und hat Witz im alten Sinne: Geist. Spiritus in Trinkstärke, angenehm aromatisiert ... Wenn man schließlich ganz durch ist, dann hat man eine Mixtur von Komödie der Irrungen, Herr Lehmann und Big Lebowsky hinter sich - und möchte mehr davon. Erhard Schütz

De:bug, Oktober 2005

"Berliner Verhältnisse ist ein Glücksgriff. Enstanden aus einem gemeinsamen Drehbuch von Raul Zelik und Detlev Buck wird hier brilliant mit Kreuzberger Alternativen-Klisches gespielt ohne dabei die Contenance zu verlieren ... Raul Zelik portraitiert scharfsinnig und stimmig eine Subgesellschaft, die immer ein wenig in den 80ern hängen geblieben ist und deren Political Correctness-Anspruch alles ein wenig verkompliziert und ins Lächerliche gleiten lässt. Er schreibt flott und überzeugend über eine Gruppe von Menschen, die rührend verkopft an ihren Idealen festhält und dabei liebenswürdig von einer Ideologiefalle in die andere stolpern."

Kurzbeschreibung


Die Verhältnisse in Berlin sind nicht nur extremer, sonder auch unübersichtlicher als im Rest der Republik. Eine muslimische Ladenbesitzerin plädiert für schnellen Sex im Treppenhaus. Ein Immobilienspekulant schimpft über den Kapitalismus. Eine Aussteigerin macht sich Sorgen um die Zukunft ihres jüngsten Sohns. Der heißt Mario, ist Anfang dreißig und lebt in einer WG in der Adalbertstraße. Eines Tages tauchen die Rumänen auf: mittellose und seit kurzem auch wohnungslose Bauarbeiter vom Potsdamer Platz, die vergeblich auf ihre Löhne warten. Als einstige Nachbarn genießen sie bis auf weiteres Asylrecht in der WG-Küche. Doch weil Mario die fettigen Pfannengerichte und das "Kusturica-Geklimper" aus dem Radio nicht mehr erträgt, faßt er mit seinen Mitbewohnern einen Beschluß. Sie werden den Freunden zur Seite springen - und das Geld für sie eintreiben. So wird aus der Wohngemeinschaft ein gefürchtetes Inkasso-Unternehmen für Einsätze aller Art. Nachdem Mario ein Verhältnis mit der Ladenbesitzerin Melek begonnen hat, kommt er mit seinen neuen Aktivitäten ausgerechnet seinem geschäftstüchtigen Bruder in die Quere. Raul Zeliks neuer Roman - inspiriert von einem mit Detlev Buck gemeinsam verfaßten Drehbuch - ist ein packendes und herzzerreißend komisches Porträt einer Gesellschaft im Umbruch. Mag sein, daß die allgemeine Stimmung eher düster ist. Manchmal aber sind es die angeblichen Verlierer, die sich von einer Krise nicht verunsichern lassen. Schon gar nicht, wenn es eine Krise grundsätzlicher Art ist.

Klappentext

"Raul Zelik erzählt schnell und direkt."
Süddeutsche Zeitung

"Eines der interessantesten deutschen Erzähltalente."
WDR

"So schnell und bunt und kämpferisch und lebensnah."
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Über den Autor

Raul Zelik, Dr. phil, geboren 1968, ist Schriftsteller, Politikwissenschaftler und als freier Autor regelmäßig für den WDR tätig. Zahlreiche Publikationen zu den Themenfeldern Lateinamerika, asymmetrische Konflikte und State Failure. Er lehrt zur Zeit als Gastprofessor für Politikwissenschaften an der Universidad Nacional in Bogota/Kolumbien.

Auszug aus Berliner Verhältnisse. von Raul Zelik. Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

1. Kapitel, in dem Mario feststellen muss, dass es in seiner Küche zu laut ist

Ob Midlife oder Quarterlife - jeder Idiot sucht heutzutage nach einem Anlass, um sich auf die Couch zu legen, einen auf gedankenschwerer Hermann Hesse zu machen und ausgiebig von einem quälenden Gefühl der Leere zu berichten. Dabei geht es zu wie auf dem Psychohühnerhaufen: Während die einen finden, das ewige Drogeneinpfeifen führt doch zu nichts, träumen andere von aufregenden Clubnächten, gehen Zigaretten kaufen und kehren nie wieder nach Hause zurück. Manche bekommen Panikattacken, weil sie mit Kombi, Ehefrau und Nachwuchs in einem Vorstadteigenheim angekommen sind, andere hingegen drehen am Zeiger, weil der Reihenhausgarten nach New-Economy-Krise und Ölpreiserhöhung in unerreichbare Ferne gerückt zu sein scheint. Und die Lebensstil-Zeitschriften für Sie und Ihn, die es grundsätzlich am besten wissen, streicheln die Seelen ihrer Leser mit Exklusivaufmachern über die neue Orientierungslosigkeit:
Das Leben ist zum Hürdenlauf ohne Hürden geworden. Wie hoch soll ich springen? Wie hoch ist gut genug?
Eigentlich hätte der ganze Lebenskrisenirrsinn problemlos an Mario vorbeiziehen können. Jemand, der sich 15 Jahre erfolgreich mit Scheckbetrug und Vom-LKW- gefallen durchgeschlagen hatte, sollte als resistent gegenüber Leistungsbotschaften gelten. Denn Mario gehörte zu jener Sorte Menschen, die irgendwann beschlossen haben, überhaupt nicht mehr zu springen - weder über hohe noch über niedrige Hürden. Warum von sauteuren Traumurlauben auf superexklusiven Karibikinseln träumen, wenn einem da doch nur die Dumpfbacken von zu Hause begegnen? Wozu mühsam Startkapital fürs Shareholder-Wunder zusammentragen, wenn sich das ganze schöne Geld doch nur in Kurseinbruch und Börsenbaisse auflöst? Weshalb ehrgeizig darauf hinarbeiten, sich später einmal einen faulen Lenz machen zu können, wenn der schon jetzt zu haben ist - ohne Magengeschwüre, stupide Meetings und Ich-bin-ja-so-motiviert-Geheuchel. Statt Arbeit, Arbeit, Arbeit also bescheidene WG-Existenz, Einklauen hier und dort und die Gewissheit, dass man zwischen Punkrockjugend und Auf-Parkwiesen-Rumhängen schon ziemlich viel von dem miterlebt hat, was eine Durchschnittsexistenz an der Schwelle zum 21. Jahrhundert so bieten kann.
Dabei darf man sich Mario keineswegs als klassischen Aussteiger vorstellen - er war keiner dieser Typen, die in gestreiften Schlafanzughosen und mit Wursthaarfrisur in der Fußgängerzone stehen, zu Mittelaltergedudel bunte Bälle durch die Luft werfen und sich dabei wahnsinnig ausgeflippt vorkommen. Mario hatte immer am Puls der Zeit gelebt. Mit 15 aus Mamas Chaos geflüchtet, um in Westberlin die Sex-Drugs-Revolution-Nummer durchzuziehen, hatte er im Verlauf der Jahre mit den verschiedensten Daseinsformen herumexperimentiert (Hundebesitzer am Kottbusser Tor, antifaschistisches Kollektiv, offene Fünferbeziehung). Aber nach traumatischen Erfahrungen mit WG-Toiletten, Sechsstunden-Plena und Nietengürteln von Karstadt für 19,99 DM hatte er beschlossen, ein strukturierteres Leben in Angriff zu nehmen: Atlantiküberquerung im Segelboot, eigener illegaler Jungle-Club, Abitur auf dem zweiten Bildungsweg und schließlich sogar eine gemeinsame Wohnung mit der Beziehung (die Bratze hatte sich nach sechs Monaten allerdings als Polizeiagentin entpuppt).
Mario hatte wahrlich keinen Grund, über ein unerfülltes Leben zu klagen. Dass er trotzdem in eine Krise geriet, hatte nicht mit unbeantworteten Sinnfragen oder einem plötzlichen Ausbruch von beruflichem Ehrgeiz zu tun, sondern mit einem Phänomen, das man wohl als biologisch bezeichnen muss, mit einer nebensächlichen, aber ziemlich unangenehmen Kehrseite des Älterwerdens. Egal, wie laut man nämlich in den Man-ist-so-alt-wie-man-sich-fühlt-Chor mit einstimmt - Fakt bleibt: Ab dem 30. Lebensjahr wird man lärmempfindlicher. Deutsche jedenfalls. Man wird hellhörig, sehnt sich nach Augenblicken der Stille und erträgt das ständige Hintergrundgedudel nicht mehr.
Es war ein ganz normaler, schwüler Juninachmittag, als die Geschichte ihren Anfang nahm. In der WG-Küche in der Adalbertstraße 73 frittierten die rumänischen Nachbarn friedlich Auberginen, Marios Mitbewohner Piet machte am Fensterbrett Übungen zur Stärkung der Rückenmuskulatur und Didi fütterte seinen Köter, als Mario plötzlich einen Schrei ausstieß:
»Es reicht!«
Wahrscheinlich wäre der Satz in dem Kusturica-Geklimper untergegangen, das Piet immer anstellte, wenn die Rumänen zu Besuch da waren (klassischer Fall von Identitätszuschreibung durch andere). Aber Mario wusste seine Bemerkung tatkräftig zu unterstreichen: Er durchquerte den Raum, zog den Radiostecker heraus, drehte im Vorbeigehen den Gasherd ab und schenkte sich dann am Kühlschrank ein Glas Orangensaft ein. Die anderen verharrten regungslos. Gebannt verfolgten sie, wie Mario seinen Saft langsam, wie in Zeitlupe austrank. Antonescu war der Erste, der die Fassung zurückerlangte. Er warf einen besorgten Blick auf die Auberginen. Sie waren noch nicht durch.
»Warum hast du den Gasherd ausgemacht?«, fragte Piet.
»Und d-das Radio?«, fügte Didi hinzu, der seit der Grundschule bei der leichtesten Verunsicherung zu stottern anfing.
»Das hält kein Mensch aus«, erklärte Mario entschlossen.
»Was hält kein Mensch aus?«
»Den Lärm.«
»L-Lärm? W-welcher Lärm?«
»Das versteht ihr nicht.«
Es war wirklich nicht ganz leicht zu verstehen. Mario hatte keine plötzliche Abneigung gegen Rumänen, wollte die Wohnung nicht für sich haben, dachte auch nicht an verbrauchte Lebensmittel oder anfallenden Abwasch (Antonescu spülte immer ab). Trotzdem war das genau das Niveau, auf das Wassilij die Unterhaltung brachte, als er eine halbe Stunde später nach Hause kam.
»Du bist ein Wohlstandschauvinist!«, bemerkte der Mitbewohner verächtlich.
»Wieso Wohlstandschauvinist?« Mario verstand die Welt nicht mehr.
»Du verteidigst deine Privilegien.«
»Privilegien? Das hat doch nichts mit Privilegien zu tun. Ich bin 32!«
Wassilij, Piet und Didi blickten Mario irritiert an.
»Ich meine, da wird man geräuschempfindlicher.«
»Ja, die Leute vom Balkan machen immer zu viel Lärm.« Wassilij hatte leicht reden. Der konnte jederzeit zu seinen Eltern in den Schwarzwald fahren, wenn es ihm zu Hause zu hektisch wurde. Aber Mario - wo sollte der hin? Zu Mutti? In die Keramikwerkstatt? Zum Entspannen?
»Balkan, Balkan ... Das hat überhaupt nichts mit Balkan zu tun, sondern mit Lärm! Die sollen sich selbst was mieten. Im Hinterhaus stehen vier Einzimmerwohnungen leer. Ganz billig. Oder die besetzen die ...«
»Ha-haa!« Wassilij grinste spöttisch.
Es war zum Kotzen, wenn der so spöttisch wurde.
»Die sind illegal! Die können nicht einfach was Illegales machen.«
Das war zwar etwas verquast ausgedrückt, aber in der Sache schon richtig: Wenn jemand bei der Berlin-wird-mindestens-so-urban-wie-Paris-oder-noch-viel-geiler-Nummer die Arschkarte gezogen hatte, dann die Rumänen. In einer eisigen Winternacht bei Zittau über die Oder-Neiße-Linie gekommen - wobei Antonescu fast ersoffen wäre (der Typ stammte aus einer karpatischen Hirtenfamilie und war in seiner Kindheit mit Wasser eigentlich nur an Viehtränken in Berührung gekommen-, hatten sich die drei unbemerkt an Grenzschützern und Bürgerwehr vorbei Richtung Fleischtöpfe geschlichen, waren auch im Nahverkehrzug nach Cottbus nicht von aufmerksamen Großmüttern denunziert worden und so bis nach Berlin gelangt, wo sie auf Vermittlung eines alten Banater Kumpels an allerlei Regierungsbauten letzte Hand anlegen durften. Der Lohn war mit 3,50 Euro die Stunde gar nicht so schlecht - es gab ein paar Ukrainer, die machten es für weniger - das heißt, er wäre nicht so schlecht gewesen, wenn er denn ausgezahlt worden wäre. Die Sache war nämlich die, dass der Bauherr, irgendeine öffentlich-rechtliche Tarnorganisation, den Auftrag an einen Unternehmer outgesourct hatte, der seinerseits darauf spezialisiert war, Aufträge an Subunternehmer zu vergeben, die wiederum mit ein paar hochflexiblen Kleinstbetrieben eng zusammenarbeiteten. Auf diese Weise war die eigentliche Arbeit - die Elektroinstallation in den Büros einer Bundesbehörde - von einer sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrierenden Firma an die nächste übertragen worden, bis man schließlich bei einem harmlosen Neuköllner Jogginghosenträger angelangt war, der für Betrug im großen Stil zu einfach gestrickt war. Horst Patzky gehörte zu jenen selten gewordenen »Westberliner Originalen«, die ihren Feierabend seit 35 Jahren in mit Gummibäumen dekorierten Eckkneipen verbringen, über Hertha BSC, neue Videokameras und die deutsche Reformlücke diskutieren und die Bild für eine Tageszeitung halten. Wahrscheinlich wäre der Mann böse untergegangen, wenn er an die geheimnisvolle Wertschöpfungskette nicht ein weiteres, offiziell gar nicht vorhandenes Glied angehängt hätte. Nach anfänglichen Bedenken heuerte der Neuköllner Elektroinstallateurmeister nämlich allerlei Hilfskräfte an, die für wenig Geld durchaus anspruchsvolle Tätigkeiten zu verrichten wussten. Dass ihm Popescu und Ganea als Doktoren der Kunstgeschichte respektive Musikwissenschaften intellektuell eigentlich in jeder Hinsicht überlegen waren und Antonescu in der Schafzucht-Sowchose »Fröhliches Banatland« Mitte der Achtzigerjahre zu einem Allroundtechniker gereift war, stellte kein allzu großes Hindernis dar, zumal sich die Unterhaltungen zwischen Chef und Angestellten auf einfache Wortwechsel beschränkten:
»Tschuldigung, kann mal rauchen?«, »Das kommt da hin«, »Klo, wo, bitte?«
Unterstützt von dieser rumänischen Manpower hatte Patzkys Elektro-Solutions GbR eine Reihe sinnvoller Arbeitsleistungen im bundesministerialen Waschmaschinenkomplex rund um den Potsdamer Platz erbracht und Anspruch auf eine nicht unerhebliche Geldsumme erworben. Das Problem war allerdings, dass man in den Zeiten von Cyberspace, Shareholder und Call a Pizza Geld zwar verdienen kann, aber deswegen noch lange nicht erhalten muss, beziehungsweise umgekehrt: es auf geheimnisvolle Weise erhalten kann, obwohl man nichts dafür getan hat. Tatsache war, dass irgendwo in den unendlichen Weiten des Outsourcings, in die noch nie ein Mensch vorgedrungen ist, ein Glied aus der Auftragsvergabekette ausgeschert und mit dem Geld Richtung Malediven verschwunden war, weshalb sich Patzky mit einem handfesten Liquiditätsengpass konfrontiert sah. Behauptete er zumindest. Den Rumänen - »Polacken, aber, na ja, jut, jearbeitet ham se« - den Lohn vorzuenthalten, sei zwar »nich die feine englische«, aber: »Der Wettbewerb wird ooch nich einfacher. Weltkonjunkturdoppeldelle!« Und so ergab es sich, dass die drei Freunde, die sich 1990 in einer wenig später abgewickelten Bukarester Keksfabrik kennen gelernt hatten, plötzlich so pleite waren wie zuvor nicht einmal in Rumänien.
»Solange die ihr Geld nicht haben, werden die bei uns kochen«, erklärte Wassilij. »Wir schmeißen doch keine Illegalen raus.«
Mario verzog das Gesicht. Das stimmte. Rausgeschmissen hatten sie wirklich noch niemanden. Von diesen Frankfurter Musikern einmal abgesehen, die Piet vor ein paar Monaten an der Bushaltestelle kennen gelernt hatte. Aber die hatten sich auch wirklich benommen wie Sau. In den Flur gekotzt, aber eine Woche lang nicht ein einziges Mal eingekauft. Dabei waren das Vollverdiener gewesen!
»Aber es ist zu laut.« Nicht nur Wassilij, auch Mario konnte ziemlich entschlossen auftreten. »Dann müssen wir halt das Geld besorgen, damit sich die Rumänen eine von den Wohnungen mieten können.«
Piet unterbrach seine Übungen. Was ganz gut passte. Nach 15 Kontraktionen sollte man zwölf Sekunden ausspannen. »Ich bin doch nicht Krösus.«
Aber daran hatte Mario nicht unbedingt gedacht.
»Mensch, wir besorgen denen ihren ausstehenden Lohn.«
»Hä?«
»Das Geld, das ihr Chef ihnen nicht zahlen will.«
Es dauerte nicht lange, bis Mario die Mitbewohner von seinem Vorhaben überzeugt hatte. Piet empfand die Anwesenheit von Antonescu, Ganea und Popescu zwar alles andere als störend - »Okay, sie kochen ein bisschen fettig, aber immer frisch!« -, aber die Robin-Hood-Nummer betrachtete er als Herausforderung, und Didi stimmte, seit Mario ihn in der dritten Klasse gegen Michaela Kowalski, die eingebildete Kuh, verteidigt hatte, sowieso allem zu, was sein Mitbewohner vorschlug. Nur Wassilij leistete zunächst Widerstand.
»Wozu was anmieten? Hier gibt's doch eine Küche.«
»Das ist auch für die Rumänen bequemer.«
»Bequemer? Das ist gefährlich.«
»Es ist praktisch.«
»Ich meine, wissen wir, was ihr Chef für ein Typ ist? Bauarbeiter, das sind Schränke. Weißt du, wie viele Muskeln man am Gerüst ausbildet?«
»Hauptsächlich Strecker«, warf Piet ein.
»Außerdem ist die halbe Baubranche mafiös organisiert.«
»Also, was jetzt?« Mario wurde langsam ungehalten. »Brauchen diese Leute uns oder nicht?«
»Schon, aber ...«
»Das ist Klassenmacht! Davon redest du doch immer.«
»Ja, aber diesmal individualisiert. Ich meine, wenn wir das individuell machen, dann ist das keine Klassenmacht, sondern ...«
»M-man muss ... a-auch immer«, sagte Didi schließlich, »bei sich selbst anfangen.«
Keine halbe Stunde später stand man zwischen Berufspendlern, 14-jährigen Gören ohne Zuhause und Guten-Tag-ich-heiße-Stefan-und-bin HIV-positiv in der U-Bahn Richtung Rudow-Neukölln, und abgesehen von Wassilij, der immer etwas negativer eingestellt war - Kapitalismus, Klimakatastrophe, das ganze Scheitern der Aufklärung -, benahm sich die WG, als hätte man im ganzen Leben nichts anderes getan, als Geld einzutreiben.
Die Gelassenheit wurde noch größer, als sich Elektromeister Patzky, von Antonescu als »nicht sooo groß« beschrieben, als 1,65 Meter kurze, fast kugelförmige Erscheinung entpuppte.
»Was denn?«, grunzte Patzky aggressiv, blieb jedoch regungslos stehen, als er Didis Hund entdeckte. Der Köter, eine hirschkuhgroße Dänische Dogge, und der Elektromeister standen sich fast in Augenhöhe gegenüber.
»Tschuldigung.« Mario, ohne Zeit auf umständliche Vorstellungsrituale zu verschwenden, schritt an Patzky vorbei, kalkulierte mit einem prüfenden Blick die Pfändbarkeit von Kompaktstereoanlage und Plattensammlung - welche vor lauter Puhdies und Westernhagens eher gering einzuschätzen war -, und ließ sich auf das Kunstledersofa in der Mitte des Raumes sinken, während sich Piet der leise quengelnden Playstation in der Schreibtischecke neben der Badezimmertür zuwandte: Bikiniblondinen in den Händen fanatisierter, bis an die Zähne bewaffneter Turbanträger.
»Oh Mann, Level 1. Das ist ja Zeitlupe.«
Didi folgte seiner Dogge Richtung Kochnische, nur Wassilij blieb ängstlich in der Nähe der Tür stehen.
»Es geht um unser Küchenproblem.« Mario faltete feierlich die Hände. »Das heißt eigentlich mein Problem. Bei uns, also in unserer WG, ist immer mal Besuch da. Wie das halt so ist, wenn man zusammen wohnt. Aber mittlerweile ist die Situation etwas ... wie soll ich sagen ...«
Patzky war offenbar etwas langsamer. Stumm lauschte er Marios Vortrag.
»Manchmal fühle ich mich so kraftlos. Dann finde ich plötzlich alles so...« Mario blickte nachdenklich aus dem Fenster. »Mir fällt der passende Begriff nicht ein.«
Endlich setzte bei Patzky eine Reaktion ein. Das Gesicht des Elektromeisters verfärbte sich krebsrot. »Was geht mich das an?« Gute Frage. »Und Finger weg von meinem Computer!« Das war gar keine Playstation? Das war ein richtiger Computer? »Ich rufe die Polizei!«
»Polizei?«, kreischte Wassilij leicht hysterisch.
»Po-polizei ist sch-scheiße«, stellte Didi sachlich fest, griff nach dem schnurlosen Telefon und warf es kurz entschlossen durchs offene Fenster in den Vorgarten. Es landete neben einem Gartenzwerg mit Laterne.
»Irgendwie stimmt's doch«, fuhr Mario unbeirrt fort. »Mit über 30 ist man nicht mehr so belastbar. Die ... wie heißt das noch ...«
»Stressdisposition ...« Wassilij machte einen spürbar selbstsichereren Eindruck, seit das Telefon neben dem Laternenzwerg lag.
»Genau, die Stressdisposition nimmt ab.«
»Zu!«
»Zu?«
Wassilij nickte.
»Also gut. Die nimmt zu. Der Lärm ... der beginnt einen zu nerven. Und deswegen«, Mario richtete sich auf, »möchten wir ... also ich, dass sich die Rumänen selbst etwas mieten.«
»Hä?«
»Die R-Rumänen«, wiederholte Didi.
»Die können doch nicht immer bei uns kochen«, bekräftige Mario.
Patzky begriff immer noch nicht, also versuchte Didi, das Anliegen noch einmal in einfachen Worten zusammenzufassen:
»Die haben k-kein Vermögen, d-die haben nur ihren L-lohn ... Und we-wenn sie den nicht kriegen ...«
»Genau! Wo gehen die dann hin? Zu uns in die Küche. Und da hocken sie dann. Den ganzen Tag! Wollen Sie vielleicht den ganzen Tag Rumänen bei sich in der Küche haben?«
»Mario, es spielt doch keine Rolle, ob das Rumänen ...«, setzte Wassilij an.
»Rumänen«, brabbelte Patzky nach.
»Ist ja auch egal«, stellte Mario abschließend fest. «Auf jeden Fall wollen wir, das heißt die Rumänen, das Geld! Und zwar bis nächsten Freitag!«
Im Grunde hätte Marios Krise damit auch schon wieder beendet sein können. Antonescu & Co verbrachten zwar auch weiterhin ihre Freizeit in der Adalbertstraße 73, doch die Aussicht auf baldige Veränderung stimmte Mario nachsichtig. Das WG-Leben kehrte in geordnete Bahnen zurück: Sonnenbad auf dem Hausdach, Gymnastikübungen am Küchenfensterbrett. Wahrscheinlich hätte man Patzkys Geld kassiert und nie wieder einen Gedanken ans Baugewerbe verschwendet, wenn am Wochenende nicht Marios Mutter zu Besuch gekommen wäre.
Mama! Die Exmaoistin, Exkunstlehrerin, Exaussteigerin, nach diversen Trennungen, Ashram-Aufenthalten und beruflichen Neuorientierungen aus Gomera in das großelterliche Haus in Solingen-Ohligs zurückgekehrt, hatte für den Lebenswandel ihres Sohnes immer viel Verständnis aufgebracht. Als Mario im zarten Alter von 15 Jahren Remscheid verlassen hatte, weil man nur in Westberlin dem System wirkungsvoll den Krieg erklären konnte (der Sturm & Drang endete 1987 nach der Besetzung eines räudigen Westberliner Grenzlandstreifens auf dem Staatsgebiet der DDR, wo freundliche Volkspolizisten Kaffee, Zigaretten und Asylanträge aushändigten - glücklicherweise durften alle wieder ausreisen), diktierte sie ihm kommentarlos die Telefonnummern einiger befreundeter Anwälte ins Adressbuch. Auf seine drei Jahre später, pünktlich zum 20. Geburtstag ausgesprochene Erklärung, man könne sich in Anbetracht des Nationalwahnsinns weitere Anstrengungen sparen und sich getrost dem Drogenkonsum hingeben, antwortete sie mit einer Umzugspostkarte aus dem Valle Gran Rey. Das ganze Geheule über 68er-Eltern, die einem mit ihrer antiautoritären Erziehung den Spaß am Einkaufen ruiniert hätten, war für Mario immer schon dummes Geschwätz gewesen, dem nur deswegen in schlechten Nachrichtenmagazinen so viel Platz eingeräumt wurde, weil zu verfettenden Chefredakteuren aufgestiegene ehemalige Messdiener mit dem Gefasel über Kinderladen-KZs von eigenen Erfahrungen auf Pater Cornelius' Schoß ablenken wollten. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

‹  Zurück zur Artikelübersicht